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18.03.2006

Star-Aufläufe, Leselust, aber auch Lesefrust

von Frank Quilitzsch TLZ

Leipzig. (tlz) Hoffentlich treffe ich nicht den Heiner ... Nein, nicht Müller, der ist leider tot, sondern Lauterbach. Heiner Lauterbach ist überall: 13 Uhr im Forum "Leipzig liest", 14 Uhr in der LVZ-Autoren-Arena, 15 Uhr auf dem Blauen Sofa. Der Schauspieler lässt nichts aus. Der liest überall. "Nichts ausgelassen" heißt auch seine Autobiografie. Aber ich werde ihn schneiden ....
Schließlich gibt es noch 1800 andere Autoren auf dieser Messe, die mich mehr interessieren. "Jahrhundert-Zeugen" zum Beispiel wie Romancier Erich Loest und Schauspieler Dietmar Schönherr (beide 80), Publizist Wolfgang Leonhard, Brecht-Biograf Ernst Schumacher und Dokfilmer Georg Stefan Troeller (alle 85). Im Moment ist nur der Jüngste zugange: Rolf Hochhuth (unter 75), aber der wird vom Publikum belagert. Alternativen gibt es genug: Zeitgleich lesen: Viktor Jerofejew, Joshua Sobol (aus "Whisky ist auch in Ordnung"), Peter Esterhazy und die Thüringer Jugendbuchautorin Antje Babendererde. Wohin wenden? Ich entscheide mich für die Analphabeten in Halle zwei.

Die Analphabeten

Schnell durch den gläsernen Tunnel. Hoffentlich erkennt mich keiner. Guten Tag, Herr Biskupek! Leider keine Zeit, Herr Stadeler, Frau Glaux, Herr Quartus, bin in Eile ... Auf dem Blauen Sofa sitzt Roswitha Quadflieg und behauptet "Beckett was here". Was, der auch? Dem "Venuswurf" von Tanja Kinkel ausweichen, der Roman ist ein schweres Kaliber, dann endlich am Ziel: Wer schreibt, der bleibt, lautet das Motto der globalen Lesewelt. "Und wer nicht schreibt ...?" fragt der Bundesverband Alphabetisierung e.V. in seinem Messe-Forum.

Das ist mutig, das ist eine Frage, der man sich stellen muss: hier, in der Höhle der Bücherlöwen. Pünktlich zur Frühjahrsmesse wurde wie immer die Leselust ermittelt: Laut Leipziger Institut für empirische Forschung hat 2005 jeder Ostdeutsche im Schnitt 12 Bücher gelesen, also jeden Monat eins. Aber wie viele lasen gar keins? Wie viele können überhaupt nicht lesen? Etwa vier Millionen Erwachsene, erfahre ich, sind funktionale Analphabeten, also nicht in der Lage die Zeitung zu lesen, selbständig ein Formular auszufüllen oder einen Brief zu schreiben. Allein in der Bücherstadt Leipzig geschätzte 25000. Leselust? - Lesefrust! Vorn sitzt Hans Schulze, 48. Die Angst, keine Anleitung studieren und keinen vernünftigen Satz schreiben zu können, begleitete ihn durchs Leben. Nach der Wende arbeitslos. Keine Aussicht mehr auf einen Job. Er wollte sich das Leben nehmen ...

Die Schicksale von Nichtlesern, jungen und älteren, die nie die nötige Förderung erfuhren, gehen unter die Haut. Der Förder-Bedarf ist riesig und wächst weiter; die Defizite steigen: 42 Prozent aller 15-Jährigen finden am Lesen kein Vergnügen. 20 Prozent buchstabieren auf niedrigem Niveau. Und nur 60 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern vor. Hans Schulze hat 1994 einen Förderkurs an der Volksschule absolviert und seinen Führerschein erworben - mit 36 Jahren! Es gibt Lehrer, die sich ehrenamtlich engagieren, es gibt Projekte (www.alphabetisierung.de) und ein Nottelefon.

Betroffen lausche ich der Nachhilfe für Vielleser. Ich habe in den ersten zweieinhalb Monaten bereits elf Bücher gelesen. Noch eins, und mein Jahressoll ist erfüllt. Nein, nicht Heiner Lauterbach!