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12.12.2009

Stammesgeschichte

von Martin Straub TLZ

Ein Jugendbuch über Surf-Abenteuer im Indianerreservat

Der Pazifik ?war von einem schweren Graugrün und milchig schäumend dort, wo die Wellen sich brachen, die mit wilder Unrast an den sandigen Strand trieben. Weit draußen wechselte der Ozean die Farbe. Indigoblau leuchtete er und das Wasser funkelte von Sonnenlicht [...] Vom ersten Moment an spürte ich, dass der Ozean voller Geheimnisse war, die sich in seinen dunklen Tiefen verbargen.? So die fast sechzehnjährige Smilla Rabe. Nicht nur wegen ihrer Augen ?eins blau, eins grün? ist sie ein ungewöhnliches Mädchen. Freilich, heute es ist schon nichts Besonderes mehr, wenn es ein Suhler Mädchen ?hinter den Bergen? als Austauschschülerin nach Seattle verschlägt. Doch was Smilla wenige Wochen vor Schulbeginn am Sagen umwobenen Strand von La Push mit einer Gruppe von Surfern im Indianer-Reservat der Quileute erlebt und nun im Rückblick erzählt, ist voller Geheimnisse und voller Dramatik. Eine Geschichte von Leben, Liebe und Tod.
Wie ihre ältere literarische Schwester, jenes Fräulein Smilla von Peter Hoeg mit ihrem ?Gespür für Schnee? muss Smilla lernen, den Dingen auf den Grund zu kommen und Schein und Sein zu unterscheiden. Vorerst ist sie fasziniert von den Surfer-Gefährten. Sie ?sahen aus, als wären sie direkt einem dieser Hochglanz-Surfer-Magazine entsprungen?. ?Selbstsicher [...] in ihren lässigen aber teuren Klamotten [...] Alle waren gerade gewachsen und groß. Keiner von ihnen hatte einen äußerlichen Makel [...] nicht mal einen winzigen Pickel im Gesicht.? Vielleicht hätten ja paar Pickel mehr bei all dieser äußeren Pracht nicht geschadet, so ist gar zu schnell die Absicht der Autorin zu durchschauen, zu zeigen, was sich da hinter dieser Fassade verbirgt. Aber beeindruckend ist es schon, wie sich die Liebengrüner Autorin im Surfer-Milieu auskennt.
Smilla, beinahe einen Meter sechzig hoch, Midget, Zwerg genannt, geht nun ihren Weg der Erkenntnis. Mehr und mehr ahnt sie, der Strand von La Push, an den die Surfer nach einem Jahr zurück kehren, verbirgt scharfe Konflikte. Der Schreiber dieser Zeilen wird davon nichts preisgeben. Das hat er von der Autorin gelernt. Die liest immer bis zur spannenden Stelle und sagt dann, händlerisches Kalkül sei ihr nicht unterstellt, nun müsst ihr selber weiter lesen. Aber das will er schon betonen, Antje Babendererde ist es gelungen, den Leser ganz in den Bann des Geschehens zu ziehen. Und zugleich erfährt man eine Menge über die Tradition und Kultur dieses Indianerstammes und seinen heutigen elenden Lebensbedingungen. Smilla mit ihrem Interesse am Leben der Einheimischen bricht aus dem Kreis ihrer Gruppe aus. Und schließlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz. Ihre Beziehung mit Conrad, dem Indianer, verschärft diesen Konflikt. Da geben Eifersucht und Intoleranz ihrer Gefährten eine unheilvolle Mischung. ?Du hast ein verdammtes Helfersyndrom und hältst dich für scheißliberal, weil du aus Europa kommst?, muss sie sich immer wieder sagen lassen.
Die Autorin tut gut daran, die Geschichte Smilla erzählen zu lassen. Vor allem die lebendigen Dialogszenen zeigen, sie hat den jungen Leuten aufs Maul geschaut. Sie scheut sich auch nicht vor drastischer Phraseologie. Und der Leser wird nicht nur einmal mit einer unheilvollen 'Dröhnung' aus Alkohol, Drogen und rassistischer Überheblichkeit konfrontiert. Im Gegensatz dazu die stillen Liebesszenen zwischen Conrad und Smilla. Antje Babendererde wagt es, eine zweite Ebene in den Roman einzuführen, die Smillas Erzählen aus dem gegenwärtigen Blickwinkel des Indianerfreundes ergänzt. Das ist ein Akt epischer Gerechtigkeit. Die Welt des Buches wäre ärmer ohne Conrads Stimme. Denn er berichtet Smilla von der ihr unbekannten tragische Stammesgeschichte. Durch ihn erfährt der Leser mit der Austauschschülerin aus Suhl vieles über Sagen, Bräuche und Riten der Quileute. Das alles geht sinnfällig ohne den berühmten Zeigefinger in das Geschehen ein. Dabei ist Conrad durchaus kein edler Winnetou. Die unterschiedlichen Erzählebenen machen einsichtig, welche Eigendynamik die Vorurteile auf beiden Seiten gewinnen. Und wie sie schon längst in der Mitte der Gesellschaft ihren Platz haben.
Der letzte Satz des Romans ist ein wenig prosaisch angesichts der sonstigen erzählerischen Vielfalt mit ihren schönen leitmotivisch wiederkehrenden Naturschilderungen. So sei am Ende eines gesagt: Das wär' es doch: Indigosommer unter dem Weihnachtsbaum, mitten im kalten Winter.
Antje Babendererde: Indigosommer. Arena Verlag Würzburg 2009, 336 S., 14.95?