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14.04.2007

Stadtschreiber auf Lesetour

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Amtsinhaber André Schinkel hat in Ranis Gedichtband verfasst und sich wohlgefühlt

Von Mario Keim Ranis. Ausgerechnet die 10. Thüringer Literatur- und Autorentage in ihrer Heimatstadt Ranis müssen Gerda und Burkhard Hellwig aus der Ferne verfolgen. "Das ist natürlich schade. Wir haben aber schon vor längerer Zeit eine Reise gebucht", tröstet sich Burkhard Hellwig. Immerhin gehört das Ehepaar seit zehn Jahren zu den treuesten Besuchern im Juni. Im vergangenen Jahr waren beide unter dem Motto "Offene Türen für Literatur" Gastgeber einer Lesung mit der bekannten Sportmoderatorin Gaby Papenburg.
In der August-Bebel-Straße hatten sie schon mehrere Stadtschreiber zu Gast, darunter Amtsinhaber André Schinkel. Burkhard Hellwig besuchte in der benachbarten Gaststätte Zur Schmiede beide Stadtschreiber-Gespräche mit ihm. "In seiner Arbeit stecken sehr viele Facetten. Mir gefällt, wie er schreibt. Ich glaube, er fühlt sich wohl und ist in der Stadt gut angekommen."

Das kann der 35-Jährige nur bestätigen. "Schon am ersten Abend, als ich in die Schmiede kam, wurde ich von den Ranisern an den Tisch gebeten", berichtet Schinkel, der seit seiner Amtseinführung im Juni des vergangenen Jahres mindestens zehn Mal in Ranis war. Manchmal hatte er seine Familie oder Freunde dabei.

"Unwetterwarnung" wird der Band mit Gedichten heißen. "Herrn Hellwig konnte ich davon überzeugen, dass der Arbeitstitel bis zum Druck des Werkes Bestand haben wird", reagierte er auf den ersten Hinweis des Literaturliebhabers, der sich einen "etwas freundlicheren Titel" gewünscht hatte. Während André Schinkel der erste Stadtschreiber in Ranis ist, der Lyrik und Prosa veröffentlicht, gibt es in seiner Vita eine Besonderheit. Das Studium der Archäologie, das er als Magister abgeschlossen hat, lässt ihn diese Region aus einem anderen Blickwinkel erschließen. Ranis und das benachbarte Döbritz als bekannte Fundorte der Altsteinzeit lassen sein Herz höher schlagen. "Aus archäologischer Sicht sind beide Ausgrabungsstätten weltweit bekannt", schwärmt Schinkel, der für sich in Anspruch nehmen kann, einigen Kneipenbesuchern eine ganz neue Facette ihrer Heimat beigebracht zu haben. "Dass Ranis auch in Australien ein Begriff ist, hatte manchen Gast in der Schmiede schon verblüfft."

Dass die Orte Döbritz und Ranis, wie auch die Feengrotten in Saalfeld, eine Rolle in seinen Gedichten spielen, versteht sich deshalb von selbst. Wie auch die Gaststätte am Fuße der Burg im Buch Erwähnung findet. "Da gibt es eine richtige Ode auf Hubert Weiße, den Wirt", funkelt es in den Augen von Nachbar Burkhard Hellwig.

Dr. Martin Straub vom Verein Lese-Zeichen e.V. freut sich über das rechtzeitig fertiggestellte Manuskript und erkennt in der Arbeit des Stadtschreibers eine "sehr gute literarische Qualität". Er bezeichnet André Schinkel als einen Menschen, der sehr gut beobachten und zuhören kann.

Der Hallenser ist dankbar für seine in Ranis gesammelten Erfahrungen. "Ein Roman kann man in dieser vergleichsweise kurzen Zeit nicht schreiben", nimmt er vielen Zeitgenossen aus der Burgstadt die immer wieder aufkommende Illusion. Für den Lyriker selbst sei es noch zu früh, einen eigenen Roman zu schreiben. Doch ausschließen wolle er den Wechsel in dieses Genre nicht.

Außerdem freut sich der amtierende Stadtschreiber über die Möglichkeit, auch in anderen Orten im Saale-Orla-Kreis lesen zu können, wie am Montag in Neustadt. Dort liest er im Orlatal-Gymnasium vor Schülern der 10. Klasse. Anfang Juni folgt eine Lesung in Schleiz. Im März stellte sich der Autor bereits in Pößneck vor. Auch in Weimar wird er lesen und im November mit einem literarisch-musikalischen Abend nach Ranis zurückkehren.

Die Lesungen außerhalb von Ranis sind seit dem vergangenen Jahr fester Bestandteil der Ausschreibung für den Stadtschreiber. Apropos Ausschreibung: Gespannt warten Verein und Stadt darauf, wer im Juni Nachfolger von André Schinkel wird. Am 17. April läuft die Frist für die Bewerbung aus. Der Kreissparkasse Saale-Orla, die das Stipendium in Höhe von insgesamt 1500 Euro zur Verfügung stellt, ist es zu verdanken, dass es nach einjähriger Pause seit 2006 wieder einen Stadtschreiber in Ranis gibt. Erster Amtsinhaber war 1998 Jörg Sauerbier.

Wie André Schinkel bestätigt, ist dies ein guter Ort zum Arbeiten. "Da ich auf dem Land aufgewachsen bin, kommt mir das entgegen", sagt er, ohne ein Ge- heimnis daraus zu machen, dass er nach getaner Arbeit ebenso gern nach Halle an der Saale zu seiner Frau und den Zwillingstöchtern zurückkehrt, zumal es in der 1200 Jahre alten Stadt viel Kultur zu entdecken gibt. Von den Kneipen in der Universitätsstadt einmal ganz abgesehen.Schon am ersten Abend, als ich in die Schmiede kam, wurde ich von den Ranisern an den Tisch gebeten.