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04.03.2004

Stadtrat gibt dem Orchester der Todesstoß

von Wolfgang Hirsch TLZ

Suhl/Gotha. (tlz) Das Aus für die Thüringen Philharmonie ist so gut wie besiegelt. Im Rat der Stadt Suhl setzte sich am Mittwoch die CDU-Fraktion mit ihrem Antrag durch, die Zuschüsse für den Klangkörper ab 2006 um ein Drittel auf 500 000 Euro jährlich zu kürzen. Das teilte gestern Abend der Vorsitzende des Orchester-Trägervereins, Erhard Kretschmann, der TLZ mit.

Die kreisfreie Stadt Suhl steht unter eklatantem Haushaltsdruck und versucht, sich mit einem Sparprogramm aus der Misere zu befreien. Dass nun die Philharmonie, die seit einer Fusion 1998 in gemeinsamer Anstrengung mit dem Landkreis und der Stadt Gotha unterhalten wird, als erstes über die Klinge springen muss, ist offenbar genau kalkuliert. Alle Beteiligten wissen, dass die übrigen Zuwendungsgeber, vor allem das Thüringer Kunstministerium, nachziehen werden und ihre Finanzierungsanteile ebenfalls um ein Drittel kürzen. "Das bedeutet, dass die Philharmonie mit 35 Prozent weniger Zuschüssen nicht mehr arbeiten kann", so Kretschmann. "Die Musiker sind tief deprimiert."

Kretschmanns Rechnung ist leicht nachvollziehbar: Ein Prozent der Zuwendungen entspreche etwa einer Musikerstelle - und damit wären von den derzeit 75 Planstellen höchstens noch 40 übrig. Das stolze B-Orchester, das vor allem im klassisch-romantischen Repertoire zu Hause ist, rutschte damit ab in die Tarifgruppe D, sofern es nach betriebsbedingten Entlassungen überhaupt noch spielfähig bliebe. "Ich bin ziemlich sicher, dass das Land dann sagen wird, es wolle aber nur ein B-Orchester fördern", so Kretschmann. "Kleine Orchester haben wir in Thüringen genug."

"Ich weiß nicht, was wir noch machen können", klagte der Trägervereinsvorsitzende gestern Abend tief traurig. "In einer etwas verlogenen Weise hat Suhl das Aus beschlossen." Für die Musiker und ihren Chefdirigenten Alun Francis rinnt damit die Frist am Silvestertag 2005 aus. Bereits 1997/98 hatten sie ihr Orchester nur durch einen Hungerstreik und massive Protestkundgebungen vor einem drohenden Untergang retten können. Ein allerletzter Hoffungsfunken liegt jetzt offenbar noch in den bevorstehenden Landtags- und Kommunalwahlen: Andere Mehrheitsverhältnisse könnten das Desaster in letzter Minute verhindern.