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12.04.2013

Stadt ohne Friedhof

von Christian Eger Mitteldeutsche Zeitung

Blick am 18. April 1945 vom Torgebäude über das Lager Buchenwald: Auf dem Appellplatz stehen befreite Häftlinge und US-Soldaten. (BILD: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington/ Gedenkstätte buchenwald)

Eine kulturhistorische Sensation: Erstmals erscheinen in Deutschland von Häftlingen im Konzentrationslager Buchenwald verfasste Gedichte.halle/MZ. 

Buchenwald ist ein literarischer Ort. Von ehemaligen Häftlingen verfasste Bestseller wie der „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész, „Was für ein schöner Sonntag“ von Jorge Semprún oder „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz haben das 1937 auf dem Ettersberg bei Weimar errichtete Konzentrationslager in die Weltliteratur eingeschrieben. Aber Buchenwald ist nicht nur ein Ort der Literatur, sondern?auch ein Ort, an dem Literatur verfasst wurde. Und das von Häftlingen: unter Bedingungen, in denen der Besitz von Schreibzeug und das unkontrollierte Schreiben unter Todesstrafe standen.

Es wurde trotzdem geschrieben. Aber es hat hierzulande niemanden interessiert. Oder man wollte es nicht zur Kenntnis nehmen. Warum? Die Gründe für dieses Desinteresse sind wiederum von Interesse und werden eines Tages auch erhellt werden. Warum also eine Erinnerung als politisch erwünscht sichtbar gemacht wurde und eine andere nicht. Dass in Buchenwald Gedichte geschrieben worden sind, gehört zu letzterem.

Man hätte das hierzulande spätestens von 1946 an wissen können. In jenem Jahr erschien in Frankreich eine von dem französischen Künstler und Buchenwald-Häftling André Verdet (1913-2004) zusammengestellte Anthologie mit Gedichten von 25 Autoren, also französischen, belgischen, polnischen, deutschen, spanischen und russischen Häftlingen. In Deutschland blieb dieses Buch, das die Neuausgabe einer im Lager in drei Exemplaren hergestellten Sammlung war, völlig unbeachtet: auch in der Forschung. 1995 erschien eine Neuauflage des Buches.

Als die Weimarer Autorin Annette Seemann 2011 das in Buchenwald entstandene Semprún-Gedicht „Uralter Traum“ ins Deutsche übertrug, entschloss sie sich spontan, alle Gedichte der Anthologie zu übersetzen. So kann dieses einzigartige Werk erstmals in dem Land gelesen werden, in dem es entstand: auf Deutsch und Französisch veröffentlicht unter der von dem Belgier José Fosty geliehenen Gedichtzeile „Der gefesselte Wald“, herausgegeben von Annette Seemann und Wulf Kirsten, der die Gedichte kommentierte und ein Nachwort lieferte.

Kirsten beschreibt, wie unter den von 1940 an aus Frankreich nach Buchenwald Deportierten unter strengster Geheimhaltung ein Kulturleben organisiert wurde, zu dem auch Belgier und Deutsche gebeten wurden. Maler, Musiker und Autoren trafen sich?- auch in den Waschräumen und auf den Latrinen des Lagers?-, um bekannte oder selbst verfasste Gedichte vorzutragen. Ein Schreibwettbewerb wurde ersonnen, um den Lebenswillen der Häftlinge zu stärken. Als Schreibpapier dienten Zielscheiben der SS und aus Zementsäcken geschnittene Zettel, Tusche wurde aus den SS-Büros entwendet.

So entstanden Ende 1944 drei notdürftigst beschriftete und gebundene Exemplare der Anthologie: zwei wurden in Jacken eingenäht, eine in einem Behälter und Block 45 begraben. Keines dieser Samisdat-Bücher ist überliefert. Aber die Gedichte sind noch da?- samt dem im August 1945 von André Verdet verfassten Vorwort.

Tatsächlich: Gedichte. Und nicht etwa nur in Verse umgebrochene Zeilen. Was treibt einen Häftling um? Die Gegenwelt: Also die Sehnsucht nach einem Leben, wie es hätte sein könnten. Auch, wie es niemals gewesen war. Die äußere Welt entrückt im Lager schnell und mit ihr die Erinnerung an Freunde und Familie. Alles läuft auf das innere Erleben zu, auf die eine Sehnsucht, die meist eine gelebte oder verpasste oder zerstörte Liebe ist.

So erinnert sich der unbekannt gebliebene Autor Francois Camaret an die von ihm zu wenig geliebte „Catherine“: Gleichnamig ist der einzige Prosatext der Anthologie überschrieben, der die selten genaue Innenschau eines Häftlings liefert. „Im Gefängnis und sogar im Lager hat man alle Zeit der Welt nachzudenken. Die Vergangenheit zieht schnell vorbei, einmal, und dann wieder, Einzelheiten werden lebendig, die Ereignisse und ihre Abfolge werden deutlicher. Man hätte dieses tun, jenes lassen sollen. Zuweilen Gewissensbisse, immer jedoch Bedauern: vielleicht nicht über die ganz großen Dinge, aber ganz gewiss über die kleinen.“ Der Franzose Maurice Baufrère beschreibt das Lager als Stadt: Eine Stadt „ohne Rathaus, erstaunlich bei dieser Menge./ Und keine Kirche, Kneipe, Gast- oder Spielhaus.“ Und: „Kein Friedhof: wahrlich sympathisch./ Doch hat die Stadt ein Monument. Nur eins“. Den Schornstein des Krematoriums. Und die Häftlinge? „Solang sie es qualmen sehen,/ Werden sie wohl das Recht haben zu träumen.“ José Fosty blickt auf den Buchenwald ringsum: „Wenn die Feen flüchten, besetzen die Holzfäller,/ Verdammte, die Lichtung, wo sie den Reigen tanzten.// In der Waldestiefe widerhallte die Axt...“

Nachrichten aus einem Lager, das man „ausgelesen“ zu haben meinte. Zu Unrecht. Über das Poetische hinaus bieten die rund 60?Gedichte Elemente zu einer Psychohistorie des Lagers, dessen Wahrnehmung wie um 180 Grad gedreht zu sein scheint, weg vom äußeren, hin zum inneren Erleben. Nach fast 70 Jahren erstmals auf Deutsch: eines der wichtigsten Bücher der Buchenwald-Literatur.

Gedenkstätte Buchenwald, Sonntag, 14. April: 13.30 Uhr öffentliches Gedenken an die Befreiung des Lagers