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18.10.2014

Spektakulärer Auftakt des 20. Jenaer Lesemarathons mit Ferdinand von Schirach

von Frank Quilitzsch TLZ

Widmet sich den strittigen Themen unserer Zeit: Der Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach liest und diskutiert am Sonntag im Volkshaus Jena vor großem Auditorium. Foto: Paul Schirnhofer

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es im Grundgesetz. "Das ist falsch", sagt Ferdinand von Schirach, "denn die Würde wird dauernd angetastet. Es soll heißen, dass die Würde nicht angetastet werden darf."

Jena. Der Satz stehe aber nicht zufällig am Anfang unserer Verfassung, so der Jurist und Buchautor weiter. Er sei ihre wichtigste Aussage und besitze eine "Ewigkeitsgarantie" - "das heißt, er kann nicht geändert werden, solange das Grundgesetz gilt. Aber was ist diese Würde, von der auch die Politiker gern reden, eigentlich?"

Mit dieser Fragestellung wird Ferdinand von Schirach am Sonntag, 20 Uhr, den Jenaer Lesemarathon eröffnen. Man rechnet mit mehr als 350 Besuchern, weshalb die Veranstaltung im Volkshaus stattfindet. "Das wird keine gewöhnliche Lesung", ist sich Angela Schubert von der Ernst-Abbe-Bücherei Jena sicher, "denn auf Wunsch des Autors werden auch Mikros im Saal aufgestellt. Sein Wunsch ist es, dass auch die Leser zu Wort kommen."

Ferdinand von Schirach lebt als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Seine Erzählungsbände "Verbrechen" und "Schuld" wurden, genau wie sein Roman "Der Fall Collini", zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern, in mehr als 35 Ländern erschienen Übersetzungen. In seinem gerade im Piper-Verlag erschienenen Essayband "Die Würde ist antastbar", aus dem er in Jena vortragen wird, nimmt er die ethischen und moralischen Fragestellungen unserer Zeit unter die Lupe.

Wiegt ein Leben ein anderes auf? Was macht einen Menschen zum Täter? Oft sei es nur der Zufall, der den Einzelnen zum Täter oder Opfer mache, argumentiert der Autor, der sich in seinen Essays brisanten Themen wie den Schauprozessen gegen Prominente, der Sicherheitsverwahrung oder der Folterandrohung gegen Kindermörder widmet. Das Buch "Die Würde ist antastbar" versammelt erstmals alle von Ferdinand von Schirach im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" veröffentlichten Texte.

Bis zum 11. Dezember werden in knapp zwei Dutzend Veranstaltungen weitere Prominente wie der TV-Journalist und Publizist Max Moor, der schreibende "Element of Crime"-Sänger Sven Regener, der Gewinner des Leipziger Buchpreises Saa Staniic oder der langjährige Chef des größten Editionsunternehmens der DDR, des Berliner Aufbau-Verlags, auftreten. Markenzeichen des mit 20 Jahren ältesten Literaturfestivals in Thüringen seien Vielfalt und Intensität der Angebote, sagt Angela Schubert, die als Organisatorin von Seiten der Bibliothek von Anfang dabei ist. "Es kommt uns nicht nur darauf an, große Säle zu füllen, sondern wir wollen das Gespräch über Neuerscheinungen der Literatur auf unterschiedlichste Weise anstoßen.

Dies könne auch im Studenten-Café Wagner geschehen, wo sich die Autoren Ingo Schulze und Steffen Mensching zu einem Talk über "25 Jahre Friedliche Revolution - Öffnung nach West- und Osteuropa" treffen. Oder im Stadtmuseum, wo Matthias Steinbach sein literarisches Echolot "Mobilmachung 1914" vorstellt.

Ein wichtiges Anliegen ist den Veranstaltern von der Ernst-Abbe-Bücherei und dem Lese-Zeichen e.V., die mit den Jahren immer mehr Förderer und Unterstützer in der Saalestadt hinzugewannen, dass in jedem Jahr auch Thüringer Autoren mit gewichtigen Neuerscheinungen zu Wort kommen. Zur Jubiläumsausgabe sind dies Landolf Scherzer mit seiner Griechenland-Reportage, Antje Baben­dererde mit ihrem Jugendbuch "Isegrim" über die Rückkehr der Wölfe nach Thüringen und die Ex-Jenaerin Ines Geipel, die mit ihrem streitbaren Porträt "Generation Mauer" den Dialog über Anpassung und Widerstand in der DDR zuspitzt.

Erstmals dabei ist ein bekannter Comic-Zeichner und Cartoonist, der sich mit seiner populären Kunst der Weltliteratur zuwendet. FLIX, der eigentlich Felix Görmann heißt, werde am Vormittag Schulklassen seine Version des Goethe-"Faust" präsentieren und am Abend einem erwachsenen Publikum Cervantes "Don Quijote" nahebringen, verrät Angela Schubert.

Angesichts des bevorstehenden Jubiläums lohnt sich ein Blick zurück zu den Anfängen des Lesemarathons, als 1996, noch unter der Schirmherrschaft des Bertelsmann-Clubs, sogar zwei Folgen stattfanden. Die zweite, im Herbst, wurde von der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel eröffnet. Als Bertelsmann 2001 ausstieg, wurde das Festival mit finanzieller Unterstützung der Stadt Jena weitergeführt.

Die Liste der bisher eingeladenen Autoren liest sich wie ein Who-Is-Who der Literaturszene: Christoph Ransmayr, Wolfgang Leonhard, Monika Maron, Rolf Hochhuth, Ephraim Ki­shon, Tschingis Aitmatow, Erich ­Loest, Klaus Schlesinger, Volker Braun, Gisela Kraft, Roger Willemsen, F.C. Delius"... Etliche sind schon nicht mehr am Leben. Zu jenen gehört auch Stefan Heym, an dessen Auftritt sich Angela Schubert besonders gern erinnert: "Das war im April 1996, er wurde, da bereits sehr alt und gebrechlich, mit dem Auto bis vor das Hauptgebäude der Universität gefahren. Ich gab ihm meinen Arm und stützte ihn auf dem Weg in die Aula. Aber mit den ersten Worten, die er ins Publikum sprach, begann der kleine alte Mann zu wachsen."