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09.09.2005

Spannend sind die Brüche in der Biografie

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "Ich werde nie ein großer Mann, weil ich mich knechtisch nie geschmieget." Harald Gerlach liebte es, diesen Vers seines Landschaftsdichters Johann Peter Uz zu zitieren. Laute und grelle Töne lehnte er ab, sein Lebenselexier war die Poesie. Ab heute erinnert in Weimar ein zweitägiges Kolloquium - veranstaltet von der Klassik-Stiftung, dem Lese-Zeichen e. V. und der Literarischen Gesellschaft Thüringen - an den 2001 an einem Gehirntumor gestorbenen Schriftsteller, der lange Zeit in Thüringen gelebt hat und in diesem Jahr 65 geworden wäre. Wir sprachen mit dem Literaturwissenschaftler Dr. Ulrich Kaufmann über die Erschließung des Gerlachschen Werks.

Harald Gerlach ist mit 61 Jahren mitten aus seinem Schaffensprozess gerissen worden. Was wäre von ihm noch zu erwarten gewesen?

Zunächst mal gibt es von ihm eine Gedichtsammlung, die noch nicht veröffentlicht ist. Ansonsten hat Gerlach mit letzter Kraft einen Großteil seiner literarischen Projekte noch weitgehend zu Ende bekommen - sowohl die Schiller-Biografie als auch seinen im Aufbau-Verlag erschienenen Roman "Blues Terrano". Gerlach wollte noch einen dritten Band schreiben.

Ist der Nachlass bereits gesichtet?

Nein. Damit beschäftigt sich aber unser Kolloquium. Unter anderem liegen da 84 Beiträge, die Gerlach für den Rundfunk gemacht hat, zum Beispiel auch drei Sendungen über Anna Seghers. Es gibt auch ein nachgelassenes Gedicht über Anna Seghers. Ich bin sicher, dass hier noch das eine oder andere zu entdecken sein wird.

Ein Beitrag und das abschließende Podiumsgespräch beschäftigen sich mit dem Theatermann Gerlach.

Gerlach hat sich in der DDR vom Bühnenarbeiter zum studierten Theatermeister hochgearbeitet und war bis 1984 Hausautor am Theater Erfurt.

Sie sprechen über die Gerlachschen Porträtgedichte. Wen hat er porträtiert?

Harald Gerlach hat fünf Lyrikbände vorgelegt, und in jedem Band gibt es eindrucksvolle Künstlerporträts. Überwiegend Dichterporträts, er sucht sich seine Wahlverwandten unter den Autoren. Sie müssen ihm geistig nahe stehen und mit der Heimat zu tun haben, aus der er kommt. Der Bezug zur Landschaft ist für ihn ganz wichtig. Johann Peter Uz in Römhild beispielsweise, einer Stadt, in der Gerlach aufgewachsen ist. Mir ist aufgefallen, dass er wenig Frauen porträtiert hat - neben Anna Seghers die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, die Schriftstellerin Virginia Woolf und die Malerin Paula Modersohn-Becker. Es wäre eine wunderbare Sache, die schönsten Porträtgedichte Gerlachs mal in einem Band zusammenzufassen.

Wäre nicht sogar eine Werkausgabe denkbar?

Tja, wenn man einen Verlag dafür interessieren könnte. Im Moment findet man lediglich die Schiller-Biografie in den Buchhandlungen. Selbst die "Windstimmen", Gerlachs erfolgreichsten Roman, der bei Aufbau noch mal als Taschenbuch aufgelegt wurde, sucht man in den Bücherregalen vergebens.

Was ist an Gerlachs Leben und Werk so interessant?

Am interessantesten sind die Brüche in seiner Biografie: die Vertreibung 1945, seine Wehrdienstverweigerung und die Flucht aus der DDR 1960 sowie die Tatsache, dass er 1992 wieder seine Heimat verlassen musste. Es würde sich neben einer Werkausgabe auch lohnen, eine Biografie über diesen Autor zu verfassen. Vielleicht sollte man sogar beides zusammen anpacken. Unser Kolloquium wird wichtige Vorarbeiten dazu erbringen und einige Bausteine hinzufügen.

Man könnte Harald Gerlach einen zweiten Band der "edition muschelkalk" widmen.

In der Tat gibt es Überlegungen, ob man nicht Gerlachs Dichteressays dort publiziert.

! Kolloquium "Harald Gerlach - Dichter und Theatermann": heute, 15-18 Uhr; Sonnabend, 9-13 Uhr, Kirms-Krackow-Haus Weimar