Presse - Details

 
02.03.2006

Spätes Erinnern an wilde Minze

von Matthias Biskupek TLZ

Rudolstadt. (tlz) Wenn es heißt, jemand sei Literat, "homme de lettre", kann dies bedeuten: Dichter, Erzähler, Herausgeber, Lektor oder auch Lehrer für kreatives Schreiben. All das hat jener Bäckergeselle aus Meißen, der eigentlich Bremerhavener ist und seit einem Vierteljahrhundert in Thüringen wohnt, gemacht. Er legte sein Abitur im zweiten Bildungsweg ab, studierte Ingenieurökonomie und war am damals jungen Leipziger Literaturinstitut Student, Dozent und einige Zeit kommissarischer Direktor; in den Sechzigern, als auch dort ideologische Kämpfe tobten. Er kann hinreißend davon erzählen, und man möchte ihm, wie seinem großen Kollegen Kisch, zurufen: Schreib das auf, Klaus!

Manches hat er festgeschrieben, in Erzählungen, Gedichten und einem Roman, doch jene fünfziger bis achtziger Jahre, in denen er junger Autor und Lektor im damals wichtigsten Verlag für junge Schriftsteller war, als er heute bekannte Dichter im legendären Poetenseminar förderte, als er die Anthologie "Kein Duft von wilder Minze" und manchen "Geschichtenkalender" des Rudolstädter Greifenverlags herausgab - diese Jahre stehen noch kaum zu Buche, die hat er bislang meist erzählt: Freunden, Kollegen, Literatur-Schülern.

Natürlich kannte er die Reimann, als sie anfing zu schreiben; er war mit Berühmtheiten der Literaturszene befreundet, und er half vielen über die Klippen des Beginnens. Als er 1981 nach Rudolstadt zog, weil seine Frau eine Position im Greifenverlag bekam, wollte er zunächst nur schreiben - und doch war er bald wieder vielseitiger Literaturbeförderer: Herausgeber und Streiter für Texte anderer. Wenn es heute hieße: Er gehört zu den Stillen im Lande, so wäre genau das falsch. Steinhaußen mischte leidenschaftlich mit in den Kämpfen der Zeit, engagierte sich - und irrte.

Exakt als die DDR zu Ende ging und etwas Neues begann, erschienen zwei seiner Anthologien, Meilensteine für Thüringen. "Über allen Wipfeln ist Ruh" - Literarische Streifzüge, in denen Wolfram von Eschenbach und Hanns Cibulka, Caroline Schlegel und der "Brief eines Auswanderers" vereint sind. "Mein Thüringen" heißt jene Sammlung von 1992, die als "Literarische Landeskunde" auch zu dem inspirierte, was jetzt eine vielbändige "Edition Muschelkalk" ist.

"Spätes Erinnern" heißt Steinhaußens Gedichtband von 1997. Wenn heute, zu seinem 75. Geburtstag, ein Werkstatt-Gespräch mit Kollegen stattfindet, so geht es natürlich ums Erinnern. Das bei Steinhaußen aber vermutlich einen Sack von Anekdoten zutage fördert. Darauf kann man sich freuen.

! Stadtbibliothek Rudolstadt, 19.30 Uhr: Werkstattgespräch "Schreiben und Schreiben lehren" mit Kai Agthe, Siegfried Nucke und Klaus Steinhaußen. Moderation Matthias Biskupek. Es musizieren Schüler der Musikschule Rudolstadt. Eintritt frei.