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09.03.2012

Späte Erinnerung an eine fabelhafte Familie

von Ulrich Steinmetzger TLZ

Marion Brasch wehrt sich in ihrem Roman "Ab jetzt ist Ruhe" gegen ostalgische Verklärungen

Die Situation ziemlich am Ende der hier erzählten Geschichte ist an Absurdität schwer zu übertreffen. Sie steht mit einer Freundin in der Toilette des Ostberliner Künstlerclubs Möwe und empfindet das als privilegierten Ort. Von der anderen Seite der Mauer schwappen Soundfetzen herüber, die man hier vergleichsweise gut hören kann. Pfingsten 1987 trat David Bowie vor dem Westberliner Reichstag auf. Als er sein "Heroes" intonierte, dachte die Protagonistin dieses Tatsachenromans: "Wir waren keine Helden."

Marion Brasch entstammt einer illustren Familie. Ihr Vater, der katholisch erzogene Jude Horst Brasch, konvertierte zum Kommunismus und hatte in der DDR hohe staatliche Ämter inne, war stellvertretender Kulturminister und Generalsekretär der Liga für Völkerfreundschaft. Die drei Söhne aber schlugen aus der Art und engagierten sich oppositionell. Der Älteste ging in den Westen und wurde berühmt, der Mittlere starb 1980 drei Wochen vor seinem 30. Geburtstag, gerade als er wegen seiner Rolle im Defa-Film "Solo Sunny" zur Berlinale hätte reisen dürfen. Der Jüngste schrieb ohne wirklichen Erfolg Märchen, Gedichte und Theaterstücke. Er war es, der seiner kleinen Schwester "scheiß Harmoniesucht" vorwarf.

"Du überlebst uns alle", hatte Thomas Brasch, ihr ältester Bruder, prophezeit. Sein bekanntestes Buch hieß programmatisch "Vor den Vätern sterben die Söhne". Zwar überlebten zwei ihren Vater, doch keiner von ihnen erreichte sein 60. Jahr. Auch die Mutter nicht, eine Wiener Jüdin, die Journalistin war und 1975 dem Krebs erlag. "Ab jetzt ist Ruhe", lautete einst ihr ritualisierter Satz, wenn sie die Kinder ins Bett brachte.

Mit gebührendem historischen Abstand nimmt das inzwischen 50-jährige Nesthäkchen diesen Satz zum Titel für äußerst lesenswerte Erinnerungen an diese "fabelhafte Familie" - vielleicht auch, um Ruhe vor den spukenden Geistern der Ihren zu haben. Ohne die gängigen Selbststilisierungen bei solchem Unterfangen schreibt sie sich frei, indem sie sich erinnert.

Hohe Authentizität

Uwe Tellkamps "Turm" und Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts": In diesen Kontext eines neues Interesses für den Osten gehört Marion Braschs Buch. Weder erliegt sie der Gefahr des Namedroppings, noch verschweigt sie aus heutiger Sicht Unangenehmes. Vielmehr schreibt hier eine, um sich zu vergewissern. Das verleiht ihrem Buch Authentizität.

Heiner Müller, "der Dichter mit der weiten Stirn", Katharina Thalbach, die großäugige und -herzige Lebensgefährtin ihres Bruders, oder der rigide nein zu dessen Manuskript sagende Honecker sind ebenso da wie Wolf Biermanns Köln-Konzert oder der stiernackige Franz Josef Strauß. Sie sind dezent eingebaut als Randfiguren. Mehr nicht, denn hier geht es darum, wie eine zur jungen Frau heranwächst, wenn mitten durch ihre Familie genau jene Verwerfungen laufen, die letztlich auch das Land zerbrechen und verschwinden ließen.

Hier der dogmatische, autoritäre, ihr stets ein schlechtes Gewissen machende Vater, der im gleichen Jahr wie sein Land stirbt, dort die bohèmehaften, unsteten, unzuverlässigen Brüder, die ihren Sehnsüchten hinterher und in die Arme schöner Frauen, zum Alkohol und in die Kunstwelten liefen. Dazwischen emanzipiert sich Schritt für Schritt die Erzählerin und wird erwachsen. Sie verschweigt nicht ihre im allgegenwärtigen Opportunismus begründete SED-Mitgliedschaft, auch nicht Bulimie und Beziehungsprobleme. Wenn sie von Ostseeurlauben in entwürdigenden Unterkünften, von Pionierlagern, Arbeitskollektiven, stereotypen Feten, Tramptouren nach Ungarn, kohlebeheizten Wohnungen im Prenzlauer Berg oder dem "Ende der Welt" - Karl-Marx-Stadt - erzählt, ist das Leben "in unserem piefigen Schrankwandland" mit hoher Präzision aus dem Vergessen und ostalgischem Verklären gezoomt.

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie. S. Fischer-Verlag, Frankfurt/Main, 400 S., 19.99 Euro