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18.10.2007

Song for Hubert

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

André Schinkel setzt Ranis in "Unwetterwarnung" ein Denkmal.

Hubert Weiße und seine Schmiede in der neueren deutschen Literatur - Premiere am 1. November
Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. "Jubilate Dir, Hubert! - / Hüter der Schmiede, / Verwalter der Karten, / Erhalter des Geists! // Jubilate Dir, Hubert! - / Erlöser der bierlosen Nächte, / Wächter des großen, / Einzigen Hämmerklaviers!" Mit diesen Zeilen beginnt ein grandioser "Song for Hubert" und diese Verse sowie 64 weitere aus der Feder des Schriftstellers André Schinkel werden derzeit vom Komponisten Albrecht Berner vertont. Das lyrische Werk wird die Sopransängerin Sandra Kopp am 1. November um 19.30 Uhr erstmals vortragen, bei Hubert Weiße in der Raniser Gaststätte Zur Schmiede, dem der Song gilt.
Es ist die Abschlussveranstaltung der Reihe "Wortklang - Lyrik im Konzert", die in diesem Jahr namhafte Autoren in bislang sechs thüringischen Städten präsentiert hat, und Kenner fiebern der "Song for Hubert"-Performance in Ranis schon gespannt entgegen. An dem Abend gibt es aber nicht nur Musik. Neben Alt-Stadtschreiber André Schinkel, der mittlerweile deutschlandweit ein Begriff ist, wird auch Daniela Danz, eine der profiliertesten jungen thüringischen Lyrikerinnen, Gedichte lesen. Danz und Schinkel sowieso haben Texte in ihren Büchern und Schubladen, die gut zum Mikrokosmos einer Kneipe wie die Literatur-Schmiede passen. Außerdem gehört es zu den "Wortklang"-Zielen, die Schwellenangst vor Lyrik zu nehmen, auch hierfür ist ein uriges Lokal bestens geeignet. Die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, regional vertreten durch die Kreissparkasse Saale-Orla, stehen hinter dem Lesekonzert und natürlich der Lese-Zeichen e. V., dessen zehnjährige Arbeit vor Ort Ranis zum Ruf eines Geheimtipps verholfen hat.

In der Gaststätte haben etwa dreißig Gäste Platz. "Es saßen schon mal vierzig hier", sinniert Weiße. Am 1. November werden allerdings etwa 100 Besucher erwartet, die auch alle etwas von der Performance mitbekommen sollen. Es müssen wohl Türen und Fenster ausgehängt werden, damit die Lyriker und Musiker vom "Podest" zwischen Gaststube und alter Schmiede in beide Räume hinein wirken können.

Auf den Abend ist Weiße nicht nur wegen der organisatorischen Herausforderung gespannt. Zwar habe ihn schon beispielsweise Alt-Stadtschreiberin Anja Tuckermann literarisch verewigt, die in Ranis ebensogut zuhören konnte, sagt er, wie zuletzt Schinkel. Doch Schinkels achtzehnstrophiger "Song for Hubert" und dann das ebenso längere Gedicht "Ranis III (Gasthaus Zur Schmiede)", beides nachzulesen in Schinkels jüngstem Buch "Unwetterwarnung", müsse man als "Denkmal zu Lebzeiten" erst einmal verkraften, gibt der Gastwirt des Jahrgangs 1956 zu verstehen. "Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll", sagt Weiße, den eigentlich kaum etwas umhauen dürfte und nicht nur in Schinkels Verse als "Titan" wahrgenommen wird. Ein paar Mal habe er die Gedichte schon gelesen und auch ein paar andere Details in Schinkels Buch seien Ranis pur bzw. in seiner Schmiede "aufgeschnappt", verrät der Kneipier, "sogar das mit den Aschenbechern steht drin".

Und zwar in "Ranis III (Gasthaus Zur Schmiede)", wo es genau heißt: "Zwölfmal im Jahr schwappt das literarische / Volk hier herein und macht sich´s gemütlich und feiert / Die sanfte Anarchie der Ursprünglichkeit / Unweit der Zieraten des Altmarkts // Die übrige Zeit klatschen die Karten / Der Ansässigen gegen die Tische, und die / Aschenbecher feiern die Entfaltung der / Mittelgebirge, bevor der Maestro alle nachhaus treibt." Nicht nur die Aschenbecher vergisst er manchmal, auch das Bier für die Stammgäste, wenn er sich mit den Literaten in Gespräche über Gott und die Welt vertieft, räumt Weiße ein.

Für die herzliche Aufnahme in der Schmiede bedankt sich mancher Schriftsteller gleich mit Werbung für die ganze Stadt. Der diesjährige Literaturtage-Gast Feridun Zaimoglu notierte beispielsweise unlängst im Hamburger Intelektuellen-Blatt "Die Zeit": "In Ranis, Thüringen, probiere ich die erste Pferdebockwurst meines Lebens. Schmeckt großartig." Weiße freut´s natürlich. Sein beruflicher Anspruch ist, vom Arzt bis zum Arbeitslosen, junge und alte Menschen an die Tische seiner fast 110 Jahre alten Kneipe zu bringen, die Literatur kann dabei helfen.

"Du denkst nicht, dass er so etwas abliefern kann", sagt Weiße in seiner liebenswürdigen Direktheit über Schinkel und sein Ranis-Buch. Tatsächlich gehört "Unwetterwarnung" zu den bemerkenswertesten der bislang sieben Bände der Edition Ranis. Schinkel, Jahrgang 1972, Rinderzüchter, Germanist und Archäologe, Familienvater aus Halle, ist ein unglaublich aufmerksamer und auch kundiger Beobachter etwa der Raniser Ilsenhöhle oder der Döbritzer Schweiz, des Alltags unter der Burg oder seines eigenen Inneren, und die erfahrenen Stimmungen verdichtet er in einem unbändigen Textfluss, dessen Sog man sich selten entziehen kann. Neben Gedichten sind in "Unwetterwarnung" ebenso lyrische oder auch nur witzige Kurzprosastücke zu finden, deren Bedeutung sich mitunter erst nach der Lektüre seiner quasi als Anhang dokumentierten "Dankworte anläßlich der Entgegennahme des Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreises für Lyrik 2006" erschließt. Dieser Preis wurde ihm im vergangenen Jahr zwei Tage vor seiner Einführung als Stadtschreiber in Ranis verliehen.

Die "Unwetterwarnung" hat sich noch nicht bis zum letzten Raniser herumgesprochen, weiß der Schmiedenwirt, der so viele Sachen weiß, dass er selbst ein Buch schreiben könnte. Der 1. November könnte das ändern. Weiße wird sich dann vielleicht nicht mehr vor den Fragen seiner Stammkundschaft retten können. Die passenden Antworten wird er schon finden. Immerhin bescheinigt ihm André Schinkel an einer anderen Stelle in seinem "Song for Hubert": "Im Schatten des Bergfrieds / Bist Du am Fügen der / Dinge, dräun auch die Wände des / Zechsteins von oben herein. // Nachts die Lieder der Perchta / Locken den seligen Trinker / Nach Hause; Du aber wischest behend / Den Schaum des Tages hinweg."