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18.08.2009

Sinnliche Fülle, Mut zur Empathie

von Martin Straub TLZ

Erfurt. (tlz) Schon mit ihrem ersten Gedichtband "Aus blassen Fasern Wirklichkeit", 2006 in der edition AZUR erschienen, erregte die 1981 in Weimar geborene Lyrikerin Nancy Hünger Aufmerksamkeit. Spätestens seit diesem Debüt gilt sie als großes Nachwuchstalent. Drei Jahre später nun liegt ein neuer Band vor. Gemeinhin sagt man, mit dem zweiten Buch schlägt die Stunde der Wahrheit. Und ich sage es ohne Umschweife: Dieser schön ausgestattete Band ist ein Ereignis. Hier meldet sich eine Poetin zu Wort, "eine Herrin der Worte", wie Gisela Kraft in ihrem Nachwort schreibt.

Erlebnisse in Israel und in der Ukraine

Man könnte das Ganze ein lyrisches Reisetagebuch nennen. In jeweils einem Kapitel wird das Erleben der Ukraine und Israels in mannigfachen lyrischen Formen verdichtet. Im letzten Kapitel dagegen, mit "Heimsuchung" überschrieben, wirft die Dichterin, aus anderen Welten kommend, einen neuen Blick auf die heimatlichen Gefilde und ihr Herkommen. Und das nicht ohne freundliche Ironie. Man lese das Gedicht "Wir sind nie modern gewesen". Da heißt es: "... überliefert/ von Generation zu Generation tragen/ wir stolz- und stumpfbrüstig dies alte Erbe,/ unser hunnisches Sehnen, in kleinen/ Kulturtäschchen übers eine Meer zum andern".

Aber was macht diesen Band zum Ereignis? Zwei Stichworte: die erstaunliche sinnliche Fülle und der Mut zur Empathie. "Hierseitig" ist ein Begriff, der mehrfach in den Gedichten auftaucht. Ins Bild kommen Landschaften und Menschen. Die schwarzerdige Ukraine, graue Städte, Märkte in ihrer prallen Fülle und Farbenpracht. Da vertraut eine ganz ihrer Wahrnehmung und hat keine Scheu vor großem Ton. "Die Tage stemmen sich aus den Nächten, gebunden aus Wetter/ und Licht". Dann gibt es wieder genaue, ins Detail gehende Beobachtungen, denn "auch die Dinge wollen beredet sein". Mitfühlend schaut die Dichterin auf menschliche Not. Der Leser lernt Oleg kennen und jenen "wirklichen Jungen" vor einem Hotel in Israel. "Oleg hat ewige Augen. Oleg geht in die vierte Klasse und ist nie da,/ nur ganz sacht anwesend". Und über letzteren heißt es: "Ein Junge mit dünnen Armen und Augen, ich meine,/ Ärmchen und Äuglein, das gibt es, wenn der Körper die offene/ Bruchstelle der Seele ist."

Der Untertitel des Bandes, "instabile Texte", könnte irritieren. Zurecht kann man ja auf die Gediegenheit und Geschlossenheit der Texte verweisen. Instabil aber ist für die Lyrikerin eine inhaltliche und ästhetische Kategorie, die den Reiz ihres Bandes ausmacht. Ein Leitmotiv durchzieht die Gedichte: die Sehnsucht nach Aufbruch, Unterwegssein und Ferne, um dann als ein Anderer heimzukehren. Immer wieder werden Grenzen überschritten. Oft changieren die Texte zwischen Lyrik und Prosa, sind eine Gratwanderung zwischen beiden Genres. Es gibt keine feststehenden Grenzen.

Nancy Hünger geht es um die Umschlagpunkte. "Instabil" gilt aber auch für den Lebensstoff der Gedichte und ihre gedanklichen Bewegungen. Oft genug lässt Nancy Hünger, die ja auch Filmerin ist, die Landschaften wie in einem Film vorübergleiten, ob sie aus dem Reisebus in Israel oder der ukrainischen Maszrutka schaut. Oder wenn die Lyrikerin im Langgedicht das Ineinander von Landschaft, Historie und poetischer Sprachfindung bedenkt. Auch die Momentaufnahmen verzichten nicht auf diese Dimension.

Sprache geht auf in Wirbeln aus Luft

So bricht das lyrische Ich in immer neue Welten auf. Und gerade hier fühlt sich Nancy Hünger einer anderen Lyrikerin verwandt: Daniela Danz. In dem ihr gewidmeten Gedicht, das dem Band den Titel gibt, lesen wir: "Himmel hält Wort und spricht sich ins Gedicht/ vom verlorenen Land, das großmutteralt in den/ Kuhlen der Sandmulden hockt, ein Markstein/ am Rande der Wüste, von hier - sagt man -// führt kein Weg nachhaus. Was wir an Sprache noch haben, verliert sich in Höhen, geht auf/ in Wirbeln aus Luft, wir schreiben vergeblich/ die Hohlformen unsrer Münder aus". Da ist wohl die immer wiederkehrende Sehnsucht der Poetin, der Welt eine ganz eigene Sprache zu geben.

i Nancy Hünger: Deshalb die Vögel. Instabile Texte, edition AZUR, Dresden, 77 Seiten, 14 Euro