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07.03.2007

Sie zog die besten Geister an sich...

von Ulrich Kaufmann TLZ

Aus Anlass des 200. Todestages der Herzoginmutter kamen mehrere neue Darstellungen über Anna Amalia heraus, so von Leonie und Joachim Berger und von Detlef Jena. Annette Seemann, die bereits ihr drittes Buch über das klassische Weimar vorlegt, versucht nicht, die Legende von der planvollen Gründung des Weimarer Musenhofs durch Anna Amalia fortzuschreiben. Sie hält sich nüchtern an die Fakten, die sie durch eigene Recherchen ergänzt. So vermeidet sie jede Heroisierung der Weimarer Fürstin und legt ein engagiertes und gleichermaßen sachliches Buch vor.
Der Leser spürt, dass hier eine Frau ohne jeden feministischen Eifer über eine Frau geschrieben hat. Die Konflikte und Niederlagen der Nichte Friedrichs des Großen werden ergreifend geschildert: Mit 18 Jahren, ihr zweites Kind erwartend, verliert sie ihren Mann. 1760 übernimmt sie für 16 Jahre die "obervormundschaftliche Regierung" im Herzogtum zu Weimar und registriert, wie die adlige Männerwelt sie nie vollends akzeptiert. Kurz vor Ende ihrer Regentschaft muss sie den Brand des Weimarer Schlosses - und damit auch die Vernichtung ihres geliebten Hoftheaters - miterleben. Mehrere Enkel sterben sehr früh, und 1793 verliert sie ihren zweiten Sohn Constantin, der im preußischen Heer gegen die französischen Revolutionstruppen gekämpft hatte.

In den späteren Jahren, nach ihrer Rückkehr aus Italien 1790, bekommt sie zu spüren, wie ihr Einfluss in Weimar im Schwinden begriffen ist. Nicht sie, sondern Goethe übernimmt die Theaterleitung. Diese Entscheidung ihres Sohnes Carl August zugunsten eines professionellen Theaters - gegen eine vom Dilettantismus geprägte Liebhaberbühne - hat die kunstliebende Herzogin geschmerzt. Allen Widrigkeiten zum Trotz beweist Anna Amalia während ihrer Regentschaft Entscheidungsfreude, Reformwillen, und sie sorgt für eine vielfältige Ausbildung ihrer Söhne. Tiefe Menschenkenntnis hilft ihr, zwischen wahren Freunden und Speichelleckern zu unterscheiden.

Das Buch beleuchtet nicht gleichermaßen ausführlich alle Lebensphasen der Anna Amalia, sondern die Verfasserin setzt geschickt Schwerpunkte. Insbesondere wird durchgehend die produktive Nähe zwischen dem Fürstenhaus ihrer Herkunft Braunschweig-Wolfenbüttel und Weimar herausgestellt. Auch die Liebe der Fürstin zu Büchern nimmt breiten Raum ein. Eindringlich stellt die Italienkennerin Seemann die Reise Anna Amalias in dieses Land als Krönung deren Lebens dar. Ein eigenes Kapitel erhält das letzte Jahr der Regentin. Die Lebensbeschreibung über die "Königin der Bücher" endet mit einem Ausblick auf die Wiedereröffnung jener 2004 so schwer getroffenen Bibliothek, die heute ihren Namen trägt.

Seemanns Monografie ist reich und eindrucksvoll bebildert. Die Dokumente dienen weniger als Zierde, sondern sie werden nicht selten in die Darstellung einbezogen. So arbeitet die Autorin etwa die Unterschiede der Anna-Amalia-Porträts heraus, die Angelika Kaufmann und Johann Heinrich Wilhelm Tischbein gemalt haben. Ausgiebig werden die künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen der Herzogin gewürdigt, die sie nach Ende ihrer Regentschaft 1775 systematisch entfaltet. Vor allem ist Anna Amalia musikalisch produktiv, sie schreibt Reiseprosa, aber auch fiktionale Texte, zeichnet, übersetzt und steht gelegentlich auf der Bühne.

Spekulationen über die Weimarer Zentralmuse sind nicht die Sache der Verfasserin. Ettore Ghibellinos These, Goethe habe über Jahre ein Verhältnis mit der Mutter seines Freundes gehabt, taugt bei ihr nicht einmal zu einer Fußnote. Souverän reagiert sie indirekt, indem sie die große Nähe Anna Amalias vor allem zu Herder, aber auch zu Wieland betont, zugleich jedoch einen zunehmenden Dissenz zu Goethe feststellt.

i Annette Seemann: Anna Amalia - Herzogin von Weimar. 200 S. mit zahlr. Abb., Insel Verlag, Frankfurt a.M., 22.80 Euro - ab 17. März im Buchhandel