Presse - Details

 
09.01.2002

Sie warten auf den blauen Bus

von Verena Zeltner TLZ

Weimar. (tlz) Fahrbibliotheken gibt es in unserem Land leider nicht mehr viele. Ich wartete also gespannt auf den Bus, der mich in Umpferstedt an Bord nehmen sollte. Im Rahmen der Thüringer Märchentage sollte ich aus meinen märchenhaften Geschichten lesen.
Frau Wichert von der Kreis- und Fahrbibliothek Weimarer Land in Kromsdorf nahm mich in Empfang. An diesem Nachmittag, erklärte sie mir, sollte die Fahrt nach Münchengosserstedt, Wormstedt und Pfuhlsborn gehen. Von ihr erfuhr ich auch, dass der große blaue Bus mit ungefähr 3500 Büchern, Videos, Kassetten und CD´s ausgestattet ist alles übersichtlich und absturzsicher in Regalen verstaut.
Unsere erste Station war Münchengosserstedt. Mehrere Dorfbewohner warteten schon auf ihren Bibliotheksbus. Nur Kinder waren keine da, trotz des Werbeplakates, das auf dem Dorfplatz aushing. Eine Großmutter war die erste, die meine Märchen hören und sich auch als neuer Leser anmelden wollte. Und endlich kamen auch die ersten Kinder. Wir machten es uns im hinteren Teil des Busses gemütlich es konnte losgehen.
Während ich Oma und Kindern meine Geschichte vorlas, hatten Frau Wichert und ihre Mitarbeiterin in der Ausleihe alle Hände voll zu tun. Ich war mittlerweile bei der zweiten Lesung, weil nach der ersten noch ein Schwung Kinder kam. Danach war noch Zeit, mit Eltern ins Gespräch zu kommen. Mehr als einmal war zu hören, wie sehr sie immer auf ihren Bücherbus warten; mehr als einmal auch die Sorge, dass der Bus doch hoffentlich bleiben und nicht irgendeinem Rotstift zum Opfer fallen wird wie schon so manche Fahrbibliothek.
Unsere Fahrt ging weiter nach Wormstedt. Auch dort wurden wir schon erwartet. Wieder wurden die Mitarbeiterinnen der Bibliothek stark in Anspruch genommen, während in meiner Ecke die Märchenstunde ablief. Pfuhlsborn, sagte Frau Wichert zu mir, Pfuhlsborn ist nur ein ganz kleiner Ort. Zwar haben wir hier treue Leser, aber Kinder gibts nicht viele da wird sicher keiner kommen. Also Pause für mich. Auch nicht schlecht, nach drei Lesungen ein bisschen in den Büchern stöbern zu können. Doch weit gefehlt:
Die Pfuhlsborner Kinder waren da vielleicht sogar vollzählig.
Den Kindern Lust aufs Lesen machen
Es war schon ziemlich spät, als wir wieder in Umpferstedt eintrafen. Für mich ging ein anstrengender, aber schöner Nachmittag zu Ende. Ich habe erlebt, wie gerade die Einwohner der kleineren abgelegenen Dörfer auf ihren Bibliotheksbus warten. Vom Vorschulkind bis zur Großmutter freuen sich alle, wenn ihr Bus endlich wieder da ist.
Ja, Fahrbibliotheken gibt es nicht mehr viele in Thüringen. Dabei ist es doch so wichtig, auch die Menschen in den abgelegenen kleinen Ortschaften zu erreichen. Vor allem die Kinder. Ihnen Lust aufs Lesen zu machen, sie neugierig auf Bücher zu machen wer kann das besser als eine Bibliothek? Zu teuer? Kultur, Bildung, Kinder rechnet sich alles nicht? Wie will einer lernen, der nicht richtig lesen kann? Die Pisa-Studie zeigt uns doch sehr deutlich, wohin das führt.

Verena Zeltner ist Kinderbuch-Autorin und Mitglied des Thüringer Fördervereins Lese-Zeichen e. V. Sie lebt in Neunhofen bei Neustadt an der Orla.
Von Verena Zeltner