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19.03.2005

Sie entschied oft intuitiv

von Frank Quilitzsch TLZ

Leipzig. (tlz) Pierre Radvanyi, der 78-jährige Sohn von Anna Seghers, befindet sich auf Lesereise durch Deutschland und stellte am Freitag auf der Leipziger Buchmesse seine im Aufbau-Verlag erschienenen Erinnerungen an die Mutter vor: "Jenseits des Stroms" (153 S. mit zahlr. Abb., 15.90 Euro). Pierre Radvanyi wurde 1926 in Berlin geboren, emigrierte 1933 mit der Familie nach Frankreich, 1941 nach Mexiko. Nach dem Krieg nahm er ein Physikstudium in Paris auf, wurde Mitarbeiter von Frédéric Joliot-Curie und lebt heute als emeritierter Forschungsleiter in Orsay bei Paris.

Herr Radvanyi, fühlen Sie sich als Franzose?

Natürlich. Aber ich fühle auch, dass ich eine deutsche Wurzel habe, dass ich viel von der deutschen Kultur mitbekommen habe. Manchmal bin ich allerdings erstaunt, wie die Dinge in Deutschland laufen.

Wie laufen sie denn?

Ich meine die Unterschiede in der Mentalität. Wenn ein neues Gesetz kommt, ist die erste Reaktion eines Deutschen, es zu befolgen.

Und der Franzose?

Er fragt: Warum? Auf der Flucht durch das besetzte Frankreich haben uns viele Franzosen geholfen. Wahrscheinlich, weil sie weniger gehorcht haben.

Haben Sie jemals mit ihrer Mutter noch einmal die Stationen der Flucht aufgesucht?

Mit der Mutter nicht. Aber vor ein paar Jahren habe ich eine Reisegruppe aus Berlin begleitet, die unseren Weg mit dem Bus abgefahren ist. Wir haben das Dorf wiedergefunden, wo wir von der Wehrmacht überholt wurden. Wir waren auch in den Pyrenäen, beim Lager von Le Vernet, wo der Vater interniert war. Der heutige Bürgermeister der Stadt, der als Fünf-Sterne-General am ersten Golfkrieg teilgenommen hat, führte uns zu dem ehemaligen Lager. Er wollte, dass man ein Monument für die Internierten errichtet.

War diese Reise der Anstoß für Sie, Ihre Erinnerungen aufzuschreiben?

Nein. Ich hatte schon unmittelbar nach dem Tod der Mutter angefangen, mir Gedanken zu machen. 1991, nach der Wende in der DDR, habe ich zunächst zwei Seiten geschrieben. Zehn Jahre später dachte ich: Wenn du noch länger wartest, vergisst du womöglich wichtige Details, und niemand wird sie je aufschreiben können. Übrigens habe ich von den zwei Seiten aus dem Jahr 1991 kein Wort geändert, sie stehen am Schluss des Buches.

So lebendig, wie Sie die Flucht aus Paris schildern, war darüber bisher nirgends zu lesen. Das liegt sicher auch daran, dass Ihre Mutter von ihren privaten Erlebnissen nie ein Aufheben gemacht hat. Sie hat nur ein einziges Mal über ein paar Monaten Tagebuch geführt.

Ja, in der Zeit, die sie in Mainz verbracht hat zwischen ihrem Studium und der Hochzeit mit meinem Vater. Sie hat sehr persönliche Gedanken aufgeschrieben. Damals war sie noch religiös.

Anna Seghers hat ihre Erfahrungen von Flucht, Emigration und Rückkehr erzählerisch zu objektivieren versucht ...

Ja, aber wenn ich "Transit" lese oder "Die Toten bleiben jung", finde ich viel Vertrautes.

Ihre Mutter muss eine starke Frau gewesen sein. Im besetzten Frankreich hat sie die Familie ernährt, die Ausreise organisiert und geschrieben ...

Nein, in den schlimmen Tagen im besetzten Paris hat sie nicht geschrieben. Das war unmöglich. Auch in den Cafés in Marseille hatte sie keine Zeit zum Schreiben, sie hat sich dort mit Leuten getroffen. Vielleicht hat sie sich Notizen gemacht, ich weiß es nicht. Ich habe sie zum ersten Mal wieder auf dem Schiff schreiben sehen, als wir schon über Gibraltar hinaus waren.

Kommen Sie im Charakter mehr nach Ihrem Vater?

Nun ja, ich bin Wissenschaftler. Seine Logik hat mich beeindruckt. Aber ich habe die Intuition der Mutter bewundert. Wenn Sie mit dem Vater nicht einer Meinung war, behielt sie meistens Recht. Intuitiv. Der Vater hat die Lage analysiert und die ökonomischen Schwierigkeiten des Sozialismus vorausgesehen.

Und die Mutter hat die Entscheidungen getroffen?

Ja. Aber sie hat immer Zweifel gehabt, ob sie richtig handelte.

Ihre Erinnerungen an Anna Seghers sind die Erinnerungen eines Sohnes, der seine Mutter liebt.

Natürlich. Ich habe manche Sachen nur angedeutet. Zum Beispiel, als ich mit ihr in der Tatra war, Mitte der 60er Jahre, und sie mir nach einem langen Spaziergang mitteilte, dass der Schwung raus sei ... Das hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Sie hatte das Gefühl, dass etwas nicht richtig laufen würde. Aber das hat sie natürlich nicht öffentlich gesagt. Sie hatte ihre Auffassung von Disziplin und wollte nicht von anderen ausgenützt werden ...

Sie sind seit Tagen auf Lesereise durch Deutschland. Wie groß ist das Interesse an Anna Seghers und Pierre Radvanyi?

Ich bin nur der Sohn. Und ich lese nicht unter Physikern. Aber ich begegne vielen Lesern von Anna Seghers, die erfahren möchten, was ich über meine Mutter zu sagen habe. Die sich auch für meinen Weg interessieren, aber im Bezug auf Anna Seghers. Ich bin mit dem Einverständnis meiner Mutter 1945 von Mexiko nach Frankreich gegangen. Gleich nach dem Krieg, damals war ich 19 Jahre alt, und das war eine ganz wilde Zeit. Ich habe mir in Paris ein Café gesucht und Briefe an meine Mutter geschrieben. Aber das erzähle ich ja in meinem Buch ...