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04.11.2012

Sergej Lochthofen liest auf Burg Ranis aus dem Buch "Schwarzes Eis"

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Autor Sergej Lochthofen liest auf Burg Ranis. Foto: Mario Keim

"Vielleicht sitze ich ja noch einmal hier. Ich weiß es nicht." Mit diesen verheißungsvollen Worten verabschiedete Buchautor Sergej Lochthofen am Donnerstagabend seine Zuhörer auf der Raniser Burg. 110 Besucher sorgten für einen vollen Saal.

Ranis. Lochthofen ließ offen, ob er sich dann mit einem neuen Werk an sein Publikum wenden werde. Material für Neues gibt es sicherlich genug.

Der Publizist und Journalist stellte in Ranis sein Buch "Schwarzes Eis" vor, das am 4. Oktober in Erfurt erstmals vorgestellt wurde. Der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung "Thüringer Allgemeine", Fernsehzuschauern durch den ARD-Presseclub bekannt, schildert in dem Buch den Lebensweg seines Vaters.

Lorenz Lochthofen (1907-1989) flieht als deutscher Kommunist vor den Nazis in die Sowjetunion. Der dortige Geheimdienst verbannte ihn in den so genannten Gulag, ein Arbeitslager unter der Herrschaft von Stalin. Er überlebt den Terror. Sergej Lochthofen erzählt auch die Zeit nach der Verbannung, als der Vater in der DDR nach Gotha und Sömmerda kommt. Von 1963 bis 1967 war Lorenz Lochthofen, der Schlosser gelernt hatte und später Journalismus studierte, Mitglied des Zentralkomitees der SED. In dieser Zeit endet die Geschichte.

Der Buchautor kam 1953 in Workuta (UdSSR) zur Welt und zog als Fünfjähriger mit der Familie in die DDR. Die deutsche Sprache habe er nicht in einer Schule, sondern "auf der Straße" erlernt. "Ich lese heute somit in einer Fremdsprache", sagte Lochthofen, der Journalismus und Kunst studierte.

Während der zweistündigen Veranstaltung des Vereins Lese-Zeichen lieferte der 59-Jährige historische Details und Hintergrundinformationen. Dabei wechselte er stets zwischen Lesung aus dem Buch und lockerer Erzählweise. Zur musikalischen Umrahmung legte er einige Schellackplatten auf, die bei erstaunlich guter Qualität an die jeweilige Zeit im Buch erinnerten. "Es ist ein Sachbuch mit einer Sprache, die einem Roman nahe kommt", sagte er auf die Frage eines Besuchers. Er selbst sei in der glücklichen Lage gewesen, dass der Rowohlt-Verlag mit einem Anliegen an ihn herangetreten sei. Der Vertrag sei bereits unterschrieben worden, als Lochthofen noch als Chefredakteur tätig war. Inzwischen arbeitet er freischaffend. "Journalisten arbeiten meist kurzlebiger. Ein Buchautor hat mehr Zeit, aber die Geschichte muss ebenfalls eine Pointe haben", sagte er. Dass die Lesung die Besucher bewegte, zeigte die lebhafte Diskussion.

"Es war eine sehr interessante Lesung zu einem sensiblen Thema, das generationsübergreifend ist, weil es in fast jeder Familie anzutreffen ist", sagte Vera Seidemann aus Krölpa, deren Vater von 1941 bis 1949 selbst Kriegsgefangener in Sibirien und damit Spätheimkehrer war.

"Es ist Wahnsinn, ein solches Schicksal kann man kaum verstehen", sagte Dietmar Haase aus Pillingsdorf, treuer Besucher in Ranis. Zur Lesung am Donnerstag kamen aber auch Zuhörer aus Wurzbach, Gera und Saalfeld.