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05.05.2016

Selim Özdogan stellt in Ranis neues Buch vor

von Marko Knuppe Ostthüringer Zeitung

Lesungsgast Matthias Lachmann (l.) und Autor Selim Özdogan durchbrechen auf Burg Ranis gemeinsam eine gewohnte Grenze. Foto: Marko Kruppe

Mehr als 30 Interessierte folgten am Dienstagabend der Ein­ladung des Lese-Zeichen e.V. auf die Literaturburg Ranis, um eine der ersten Lesungen der 19. Thüringer Literatur- und Autorentage zu genießen.

Ranis. Selim Özdogan las aus seinem neuen Buch „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ und begeisterte das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute. Ganz im Sinne des Titels stand die Lesung im Zeichen des ­Humors, aber auch der Kritik.

Die Idee zu dem Buch kam dem in Köln lebenden Autor, als er sich auf ein Auslandsstipendium in Istanbul bewarb. Das Wesen der türkischen Satire in einem deutschen Roman zu übersetzen, sei der Grundstock gewesen. Das ist dem zweisprachig aufgewachsenen Deutschtürken Selim Özdogan gelungen. Dabei ahnte er während seiner Arbeit an dem Roman nicht, dass dieses Thema eine brisante Aktualität bekommen wird.

Özdogan las gut anderthalb Stunden quer durch sein Buch und vermittelte so ein gelungenes Best Of des Romans, der, wie er sagt, umgekehrt autobiografisch sei. „Umgekehrt deshalb, weil ich mich in ganz vielen Situationen frage, wie Krishna wohl jetzt handeln würde. Das heißt, dass dieser erfundene Protagonist noch heute in meine Biografie eingreift.“

Zwischen den gelesenen Auszügen, die unter anderem in ­Istanbul und Freiburg spielten, erzählte er immer wieder Anek­doten aus seinem Alltag und legte so die wesentlichen Themen des Buches dar – die Suche nach Identität, den zuweilen will­kürlichen Bestand von Grenzen und den Begriff Heimat. Letzteres definierte er als etwas, wo man sich aufhalte, wo man soziale Kontakte pflege und sich ­sicher fühle. So gesehen sei auch das Smartphone für viele Menschen so etwas wie Heimat. Es sei ein Phänomen, dass man sich über Flüchtlinge aufrege, die ein Smartphone besitzen, aber nicht darüber, wie viel Prozent der gesamten Menschheit einen Großteil des Geldes auf der Welt auf dem Konto haben.

Selim Özdogan ließ eine Pointe der nächsten folgen, ohne dass dies aufdringlich oder gar lächerlich wirkte. Um aufzuzeigen, dass Grenzen, die die Menschen sich oftmals selbst setzen, verwischbar sind, ohne dass dann Schlimmes passiert, bat er einen Freiwilligen auf die Bühne. Damit wollte er die Grenze zwischen Autor und Publikum durchbrechen. Matthias Lachmann aus Gera traute sich denn auch, einen Dialog aus dem Buch zusammen mit dem Autor zu lesen. Später erklärte er gegenüber OTZ: „Ich mache in Gera auch immer mal Literaturveranstaltungen. Daher bin ich es gewohnt, vor Publikum zu ­lesen, das macht mir nichts aus.“ Den Abend in Ranis fand der Geraer sehr gut. „Es ist die einfache Sprache Özdogans, die jeder versteht, die ans Herz geht und die poetisch detailliert ganz schnell überzeugt.“