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19.09.2003

Selbsterkundungen im Thüringer "Paradies"

von Frank Quilitzsch TLZ

Berlin/Jena. (tlz) "Lächeln - ein Buch das / Ihr gefällt. Ein Tagtraum, nicht / Im Fahrplan der Bahn ..." Just als ich diese Zeilen lese, tritt Jan Volker Röhnert, der Verfasser des Gedichts, an den Tisch und lässt lächelnd den Rucksack von den Schultern. In einer Stunde geht sein Zug nach Berlin, wo er am Freitag Abend vom Literarischen Colloquium den Lyrikdebütpreis 2003 verliehen bekommt. Wir sitzen nur wenige hundert Meter vom "Paradies" entfernt, wie Park und Bahnhof am Saale-Ufer genannt werden, und Röhnerts Gedicht trägt den Titel "Der Sommer im Paradies - 33 Haiku".

"Das habe ich im Sommer 2001 geschrieben", erinnert sich Röhnert. Damals hätte er auf seinen Spaziergängen durchs "Paradies" die Form des japanischen Haiku ausprobieren wollen; entstanden sind 33 reimlose Kürzestgedichte von jeweils drei Zeilen, die spontane gedankliche Bewegungsvorgänge spiegeln. "Bewegung ist das A und O eines Gedichts", schwört Röhnert, der sich selber gern, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, durch die Landschaft bewegt, sei es im mediterranen Frankreich oder im hügeligen Ost- und Mittelthüringen.

Viele seiner in dem Band "Burgruinenblues" (Wartburg-Verlag, Weimar) gesammelten Gedichte erwecken Thüringen aus der topographischen Starre. Mag auch die "deutsche Literatur in die Straßennamen abgewandert" sein, wie es im Titelgedicht heißt, "so fließen die Namen von thüringischen Flecken bei Jan Volker Röhnert im Gegenzug in die Dichtung: Prießnitz, Döbritsch, Hermsdorf", stellt Kai Agthe, der Herausgeber der Edition Muschelkalk, fest. Selbst dem Hermsdorfer Autobahnkreuz hat Röhnert ein poetisches Traktat gewidmet.

Vorgeschlagen für die renommierte Auszeichnung, die nur alle zwei Jahre verliehen wird, wurde der gebürtige Geraer von seinem Weimarer Dichterkollegen Wulf Kirsten, der auch in Berlin die Laudatio hält. Kirsten hat als entscheidenden Impulsgeber für Röhnert den deutschen Dichter Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) ausgemacht, insbesondere dessen zwischen 1970 und 1974 entstandenen Gedichtband "Westwärts 1 & 2".

Techniken des Films

Von dieser Basis her seien Röhnerts Entwürfe fortgeschrieben worden, hebt Kirsten in seiner Laudatio heraus. Typisch sei dafür "ein narrativer Sagestil, in dem es um eine neue Welterklärung mit Alltagsmaterial" gehe, das "protokollarisch nüchtern, prononciert lapidar in blanker Rede dingfest gemacht" werde: "Gegenwart - Erinnerung - Reflexion - Landschaft - Geschichte - das Blatt Papier, auf dem sich die Notat-Technik vollzieht, fließen ineinander."

Für die Thüringer Literaturlandschaft ist der mit 27 Jahren bereits viel gereiste und seit Januar am Institut für Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Jena beschäftigte Jan Volker Röhnert ein Glücksfall. Neugier, Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude wirken bei ihm als Bindeglieder zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Weltaneignung. In seiner von Professor Gerhard R. Kaiser betreuten Dissertation untersucht Röhnert Einflüsse des Films auf die Lyrik des 20. Jahrhunderts - bei Brinkmann, dem Franzosen Blaise Cendrars und dem Amerikaner John Ashbery. Bei Recherchen in Paris und London ist er bereits fündig geworden, im nächsten Jahr wird er nach New York reisen. Filmtechniken wie Schnitt und Montage spielen auch in den eigenen Gedichten eine Rolle, weshalb sich Röhnert glücklich schätzt, an einem Thema arbeiten zu können, das ihn "am Schreiben hält".

Da eben Nadine, Röhnerts Frau, erscheint, ebenfalls mit Rucksack, und sanft zum Aufbruch drängt, will ich rasch noch den eingangs zitierten Vers ergänzen: "... Ihre Augenlider / Zeichen einer Sprache die / Keine Worte hat". Glückwunsch und gute Reise!

! Röhnerts "Burgruinenblues" wird zusammen mit den ebenfalls in der Muschelkalk-Edition erschienenen Bänden von Ingrid Annel und Klaus Steinhaußen am 30. September, 18 Uhr, im Goethe-Institut Weimar präsentiert