Presse - Details

 
11.06.2007

Seitenzahlen zählen

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Etwas anderes Neustadt-Buch unter schönsten deutschen Büchern - Ausstellung in Pößneck

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Pößneck/Neustadt. Sie wurden mitunter für Spinner gehalten, die Entdecker der "Entenrepublik Gamsenteich", die 2003 mit anderen jungen Leuten für die etwas andere Kunst im öffentlichen Raum in Neustadt sorgten. Der "Forschungsbericht zur gesellschaftlichen Organisation bei Stockenten am Gamsenteich in Neustadt/Orla, Thüringen" von Bertram Haude und Jens Volz, mit anderen Texten zum Buch "Die Entenrepublik Gamsenteich - Über Demokratie und Gemeinschaft" zusammengefasst, macht Neustadt allerdings von Bangkok über Berlin bis Buenos Aires bekannt. Denn das Gamsenteich-Buch, von Claudia Siegel als Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig 2004 zunächst in fünf Exemplaren hergestellt und später in einer 300er-Auflage nachgedruckt, ist eines der schönsten deutschen Bücher 2006 und mit der gleichnamigen Ausstellung ein Jahr lang bundes- und weltweit auf Tour. Bis zum 30. Juni macht diese Wanderausstellung der Stiftung Buchkunst aus Frankfurt am Main wieder in Pößneck Station, dabei erstmals in der Stadtbibliothek Bilke.
942 Bücher aus 421 Verlagen wurden im vergangenen Jahr den Fachjurys des Wettbewerbes Die schönsten deutschen Bücher vorgelegt. 45 Bände wurden in neun Sachgruppen mit dem Prädikat Eines der schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet. Das Gamsenteich-Buch überzeugte in der Kategorie der Sonderfälle und experimentellen Bücher. Zwölf Bücher bekamen eine Anerkennung. Die Ausstellung runden drei Bände ab, deren Gestalter die Förderpreise für junge Buchgestalter verliehen wurden.

Vier der schönsten deutschen Bücher wurden mit Hauptpreisen bedacht und der 1. Preis ging an das Sachbuch "Sexarbeit" der Edition Temmen aus Bremen. Der 344-seitige Band im Album-Format über Lebenswelten und Mythen der Prostitution ist auch in den Aspekten geil, die die Juroren am meisten interessieren: Konzeption und Ausstattung eines Buches, Schriftart und Schriftgröße des Lesestoffes, Qualität von Satz und Druck, Güte von Papier und Bindung. Optik und Ästhetik zählen in diesem Wettbewerb, aber auch Inhalt und Form müssen zusammenpassen, stellte Uta Schneider, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, in einem spannenden Vortrag vor der Ausstellungseröffnung am vergangenen Donnerstag klar. Konsequent angewendete, quasi leitmotivische Farben wie Gelb und Magenta bei der "Sexarbeit", aber auch liebevolle millimeterkleine Details wie das Design von Seitenzahlen oder Bildidentifikationsziffern machen den großen Unterschied aus. Die nutzerfreundliche Neugestaltung seiner Seiten machte vor einigen Jahren sogar den Duden zu einem der schönsten deutschen Bücher.

Schön ist ein Buch aber oft nur im Verhältnis zu den anderen Büchern der selben Sachgruppe. Um in weniger glanzvollen Bereichen der Buchproduktion den gestalterischen Anspruch zu fördern, gibt es im Wettbewerb der schönsten deutschen Bücher auch Kategorien wie Taschenbücher und Schulbücher. Von einem Kunstbuch oder von quasi einmaligen "Büchern, die nicht im Handel sind", so der Name einer weiteren Wettbewerbsgattung, wird viel mehr erwartet als von einem Exemplar allgemeiner Literatur. "Schöne Kinderbücher zu zeichnen, ist die eine Sache, schöne Kinderbücher zu machen die andere", sagte Uta Schneider. Im Internetzeitalter macht sie sich lediglich Sorgen um die wissenschaftlichen Editionen: "Wissenschaft wird man in fünf Jahren kaum noch in einem Buch veröffentlichen", prognostizierte sie. Gut gemachte Bände werde es aber immer geben.

Dazu gehört auch der Band der einst in Neustadt forschenden Entologen Haude und Volz, der übrigens auch mit dem Ars lipsiensis 2004, dem Kunstpreis der Dresdner Bank Leipzig ausgezeichnet wurde. Ein "glücklich gestaltetes Buch" wird "Die Entenrepublik Gamsenteich" im Ausstellungskatalog vom Gegenwartsphilosophen Wilhelm Vossenkuhl gelobt. Der wundersame Band, der am Gamsenteich ein Parlament und ein Gericht ausmacht, einen Daunenhandel und eine Flugverbotszone, setzt sich gleichermaßen augenzwinkernd und ernst mit dem unerschöpflichen Thema der Demokratie auseinander. Den Spagat kann jedermann bei einem Besuch in der Pößnecker Bilke nachvollziehen: Denn die schönsten deutschen Bücher 2006 liegen nicht etwa unter Glas, das - rücksichtsvolle - Blättern und Schmökern in den Ausstellungsstücken ist erlaubt. www.stiftung-buchkunst.de Knapp 80-jährige GeschichteDer Wettbewerb "Die schönsten deutschen Bücher - Vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung - Prämiiert von einer unabhängigen Jury" hat eine knapp 80-jährige Geschichte. Die ersten Auflagen gab es 1929 bis 1933 in Leipzig. 1948 habe es in der Sowjetisch Besetzten Zone den Versuch eines gesamtdeutschen Wettbewerbes gegeben, dieser sei aber an Postbestimmungen gescheitert. Ab 1951 gab es einen westdeutschen Wettbewerb in Frankfurt am Main, 1952 zog Leipzig nach. Seit 1990 gibt es nun den bundesdeutschen Wettbewerb der Stiftung Buchkunst in Frankfurt am Main. In Leipzig hat die Stiftung den Wettbewerb "Die schönsten Bücher aus aller Welt" etabliert.