Presse - Details

 
04.06.2005

Seine Geschichten bringen zueinander

von Karin Schlütter Freies Wort

LANDOLF SCHERZER LAS AUS „DER GRENZGÄNGER“

Gut 120 Menschen erlebten im Roten Ochsen den „Grenzgänger“.

VON KARIN SCHLÜTTER
„Landolf Scherzer ist nicht nur ein begnadeter Schriftsteller“, sagte Martin Straub von der Landeszentrale Politische Bildung als er den Suhler vorstellte. „Er ist auch ein gefragter Schriftsteller.“ Wie gefragt, bewies der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal des Schleusinger Künstlerhofes am Donnerstag Abend. Gut 120 Menschen waren in den „Roten Ochsen“ gekommen, um den „Grenzgänger“ zu sehen, zu hören und mit ihm zu diskutieren. Es waren bei weitem nicht nur Schleusinger.
Ein bisschen schien dem in Suhl-Dietzhausen lebenden Schriftsteller, diesem Meister der Reportage, der Vorabend in Ummerstadt noch auf der Seele zu liegen (s. Freies Wort vom Freitag). Was wird ihn in Schleusingen erwarten, wo er am Morgen schon vor Henneberger Gymnasiasten gelesen hatte?

„Guten Abend im Roten Ochsen. Gut, dass Schleusingen so was hat. In Suhl wäre eine rote Kuh dazu sehr schön und gemeinsame Kinder. Aber dazu müsste der Ochse ja erst zum Stier werden“, scherzt Scherzer und meint ernsthaft, er sei ein bisschen traurig, „dass wir nicht mehr gemeinsam machen“. Und er erzählt von seinen Grenzlandwanderungen und dass er es aufgeschrieben habe, so wie er es erlebte und von dem so vieles Zufall war und nicht repräsentativ. „Das Schwierigste war, an die Haustüren zu klopfen. Meist war es das erste Haus links. Na wie geht‘s Ihnen 15 Jahre nach der Einheit?“ – Manche erzählten, manche auch nicht.

Und Scherzer liest aus seinen Geschichten und die Leute im Roten Ochsen freuen sich, es sind auch ihre Geschichten.

Die Lehrerin aus Eisfeld, die in Coburg unterrichtet, hat die Vorurteile zu spüren bekommen, wie sie später erzählt, als diskutiert wird.

„Haben Sie vor, auch in Orten auf der anderen Seite der ehemaligen Grenze zu lesen?“ fragt jemand. Landolf Scherzer zuckt mit den Schultern. „Bis jetzt hat mich noch keiner gefragt. Ich werde mich nicht aufdrängen. Wenn ich eingeladen werde, komme ich.“ – Die Einladung kommt prompt: Klaus D. Niemann, Chef der Künstlerhofstiftung, lädt Scherzer nach Bad Kreuznach ein.

Zwei Stunden sind wie nichts vergangen. Annette Rockenstein vom Vorstand der Künstlerhofstiftung dankt mit einem Rosenstöckchen.

Einige lassen sich noch Bücher signieren. Noch auf dem Heimweg wird diskutiert. Hartmut Jenk meint: „Deutschland ist noch weit auseinander, aber solche Geschichten helfen, es zusammen zu bringen.“

Im Herbst soll Scherzers Buch erscheinen. Rechtzeitig vor dem 3. Oktober, dem 15. Jahrestag der deutschen Einheit.