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22.06.2004

Seine Gedichte machten Mut

von Frank Quilitzsch TLZ

"Die Zeit, sie kommt, sie geht, kein Mensch hat sie je gesehen. (...) Und wenn du alle Uhren dieser Welt anhältst, die Zeit bedarf keiner Uhr, sie weiß genau, wie spät es ist ..." In seinem letzten Band, den im Frühjahr erschienenen und mit "Späte Jahre" betitelten Tagebuchaufzeichnungen, hat Hanns Cibulka über das Alter reflektiert und anhand vieler kleiner Texte ein Resümee gezogen - über sein Leben, sein Werk und die Gefährdungen der Welt. Am Sonntag ist der Gothaer Dichter im Alter von 83 Jahren gestorben.

Cibulka, der seit einigen Jahren an einer schweren Krankheit gelitten hatte, war am Mittwoch vergangener Woche ins Krankenhaus eingeliefert worden. Mit ihm verliert Thüringen eine wichtige literarische Stimme, die weit über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wurde. "Ein klassikbewusster Autor, der an Goethe, an den klassischen Werten und Orten Maß genommen hat", würdigt ihn sein Weimarer Schriftstellerkollege Wulf Kirsten und betont: Cibulka gehöre zu den wenigen Lyrikern, die sich nichts vorzuwerfen haben, er habe keine Elogen oder Huldigungsgedichte verfasst.

Im Gegenteil, seine Gedichte, und besonders die Bekenntnisse in den Tagebuchbänden, die er zwischen 1966 und 1988 in der DDR veröffentlichte, haben viele Leser ermutigt, der Zerstörung der Umwelt entgegen zu wirken. Nach der Wende hielt Cibulka literarisch Rückschau und publizierte im Leipziger Reclamverlag Bücher über seine Kindheit in Schlesien, seine Kriegserlebnisse in Italien und seine Beziehung zur Stadt Erfurt, der er in seinem "Tagebuch einer späten Liebe" ein sehr persönliches Porträt widmete.

Der am 20. September 1920 im Altvatergebirge geborene Hanns Cibulka hatte bis 1985 mehr als 30 Jahre lang die Gothaer Stadt- und Kreisbibliothek geleitet. Er war Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller in Thüringen. Für seine Gedicht- und Prosabände erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1978 den Johannes-R.-Becher-Preis und 2000 den Erwin-Strittmatter-Umweltpreis des Landes Brandenburg. Die Universität Florida (USA) verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.

"Die Altersmüdigkeit nimmt zu", notierte der Autor, der bis zuletzt an Gedichten gearbeitet hatte. Cibulka empfand es als großes Glück, dass er das Erscheinen seines letzten Buches noch erleben durfte. Bleibt zu wünschen, dass sein Werk bald mit einer Ausgabe der wichtigsten Lyrik- und Prosatexte in einem würdigen Querschnittsband gekrönt wird.