Presse - Details

 
31.08.2002

Sein Talent war früh gescheitert - Nachruf auf Siegfried Pitschmann

von Frank Quilitzsch TLZ

Suhl. (tlz) Manchmal drängte es ihn zu erzählen. Er steckte voller Geschichten, denn er hatte 1930 im schlesischen Grünberg geboren und 1945 nach Mühlhausen verschlagen ein abenteuerliches Leben. Als Uhrmacherlehrling und Betonhilfsarbeiter, als Schriftsteller und Theaterdramaturg. Doch der alte Pitschmann vermochte das Gelebte nicht mehr wie früher zu Papier zu bringen. In den letzten fünfzehn Jahren lähmte ihn der Anblick seiner Schreibmaschine. Wenn er zu Lesungen oder zu den Treffen des Schriftstellerverbandes kam, wirkte er zumeist heiter. Er war ein glänzender Erzähler, hatte eine vornehme Art zuzuhören, und er genoss die Stunden der Geselligkeit. Dann zog er sich wieder in seine Welt zurück. Dabei hatte es für ihn eine Zeit gegeben, in der die Luft vor Produktivität knisterte. Die Jahre mit Brigitte Reimann. Kurzgeschichten und Hörspiele entstanden, einige zusammen mit seiner Frau, die ihn für den Begabteren hielt. Siegfried, schwärmte die Reimann, ist alles andere als der Hörnerne. Ein junger, ein schöner Mensch mit bezaubernd schönen Augen und mageren, nervösen Händen. Und: Er schreibt eine viel schönere Prosa als ich, arbeitet aber entsetzlich langsam ...
Von der CD Und trotzdem haben wir immerzu geträumt davon, die 1999 im Audio-Verlag erschien, hört man seine sonore Stimme. Dieses Hörbuch, in dem Pitschmann Auskunft über sich und Brigitte Reimann gibt, ist zugleich ein Dokument des Scheiterns, der Zerstörung privater und gesellschaftlicher Hoffnungen. Man ahnt, was früh in ihm zerbrochen ist. Pitschmann hatte in den 60er Jahren an einem Roman über seine Baustellenerfahrung geschrieben. 120 Seiten lagen vor, als das Manuskript öffentlich geschlachtet wurde. Der Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes warf dem Autor eine harte Schreibweise nach amerikanischem Muster (Hemingway) vor,die unvereinbar sei mit den Prinzipien des sozialistischen Realismus. Pitschmann nannte das Vorgehen später einen Totschlag. Die Folge: Schreibhemmungen, ein Suizidversuch.
Zwar gingen aus den Roman-Trümmern einzigartige Kurzprosabände hervor u. a. Kontrapunkte (1968) und Männer mit Frauen (1974), die mit dem Heinrich-Heine-Preis bedacht wurden , verfasste Pitschmann in seiner Rostocker Zeit noch Theaterstücke und ein erfolgreich verfilmtes Drehbuch, doch dann versiegte der Schreibimpuls, wuchs das Unbehagen an der Gesellschaftsentwicklung.
Ein Autor, der nicht produziert, fällt schnell der Vergessenheit anheim. Die wenigen unveröffentlichten Texte, die Pitschmann vor dem Ende der DDR geschrieben hatte, fanden Eingang in den Sammelband Elvis feiert Geburtstag, der zu seinem 70. erschien. Dass der Aufbau-Verlag versehentlich Roman auf die Titelseite des Buches setzte, schien Pitschmann zu belustigen, in Wahrheit quälte es ihn. Denn jener Roman, den er hatte schreiben wollen, war in seinem Kopf längst fertig. Es sollte ein autobiografisch gefärbter Text werden, ein kafkaeskes Erinnerungsbuch. Das Vorhaben ist, wie sein Schriftstellerleben, Fragment geblieben. Siegfried Pitschmann ist am Donnerstag im Alter von 72 Jahren in Suhl an einer Lungenembolie gestorben.