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21.08.2004

Schwarzenberg: Eine unglaubliche Geschichte

von Frank Quilitzsch TLZ

Es ist eine unglaubliche, keinesfalls heroische Geschichte. Geschichte? - "Keine Gestalt und Begebenheit ist erfunden; Abweichungen von real existierenden Personen sind Zufall", versichert der Autor des Buches "Das unbesetzte Gebiet". Volker Braun, der Worte und Sätze vor dem Niederschreiben stets mehrmals dreht und wendet, will beim Wort genommen werden. Verspricht Tatsachen, nichts als Tatsachen. Aber darf er denn - wie einst Goethe bei der Schlacht vor Valmy - von sich behaupten, er sei dabei gewesen?

Nein, der damals Sechsjährige hat nicht miterlebt, wie von Schwarzenberg beinahe eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgegangen wäre, im Mai 1945, als der Krieg bereits zu Ende war. Das Hitlerregime hatte kapituliert, doch die Besatzer machten einen Bogen um das Gebiet. Kein Zufall, sondern bereits Coup des nächsten, Kalten Krieges, wie der Erzähler zu wissen glaubt: "Niemand im Niemandsland wußte von den geheimen Verhandlungen, die schon im April das Loch in die Karte gruben, durch das die Million der Schörner-Armee im Mai und Juni nach Westen entkam." Notgedrungen nahm eine Schar Erzgebirgler - Arbeiter, Sozialdemokraten, Kommunisten - die Geschicke in die eigenen Hände, nicht, um Revolution zu machen, sondern um das Überleben zu organisieren.

42 Tage währte die herrschaftslose Zeit in den 20 Dörfern und Städten um das sächsische Schwarzenberg, die Selbstverwaltung von unten. Rathaus und Betriebe wurden besetzt, Nazis aus dem Amt gejagt, Lebensmittel heran geschafft, Fremdarbeiter heimgeschickt. Die Geschichte ist bekannt, und Volker Braun erzählt sie nicht gänzlich neu, aber anders. Anders als Stefan Heym 1984 in seinem Roman "Schwarzenberg", der Wirkliches mit Erfundenem verwob. Anders auch als die Chronisten, die nüchtern Fakt an Fakt reihen. Volker Braun erzählt mit Verve und Lust. Mit Lust am Aufbruch, am gesellschaftlichen Wagnis, voller Sympathie für die spontane, unerhörte Tat. Und zugleich mit Bedauern: "... aber diese Geschichte ist gelaufen und vorbei; und es bleibt, um dabei zu sein, davon zu erzählen".

Dabeisein auf andere Art. Der Gang ins Gebirg, die gnadenlose Rückschau - das ist Brauns Perspektive. Ein Nach-Graben mit dem Wissen um den Ausgang der Epoche, die im Scheitern 1989 einen ihrer seltenen utopischen Momente besaß. Ein anderer lag - Funken schnell wieder erstickter Hoffnung - vor 59 Jahren im Schwarzenberger Niemandsland.

Ereignisse nicht zurecht schreiben

"Da man nun einmal vor Ort hauen muß, gehen wir in den Berg", heißt es in einem der kurzen Texte - Anekdoten, Berichte, Glossen, Kommentare - die der Autor als Anhang unter der Rubrik "Im schwarzen Berg" subsumiert hat, denn das bergmännische Verfahren, "so sehr es im Dunkeln gräbt", sei das der Literatur gemäße. Dies wusste schon Franz Fühmann, dessen "bergunterhöhlende Arbeit" Braun in einem Epitaph würdigt. Wie einst Fühmann schürft der Dichter-Bergmann Braun heute in tieferen Schichten; er fuhr nach Schwarzenberg, um die Archive zu sichten, die Gegend zu erkunden und mit Zeitzeugen zu sprechen. Gemäß seinem Credo: Man darf Geschichte nicht zurecht schreiben, rückt er Verbogenes gerade und bringt Erstarrtes wieder in Fluss.

Das liest sich etwa so: "Sie (das Fähnlein der 15 Aufrechten - F. Q.) hasteten durch das knackende Holz und stolperten über weggeworfene Helme. Sie hielten hundert Schritte vor dem Arbeiterheim (der Folterstätte). Krause stellte, auf den Stock gestützt, und röchelnd Atem ziehnd, zwei Fragen. Macht ihr mit? - Ja. - Und die zweite: Was mach mer?"

Immer wieder das Sächsische der wörtlichen Rede, Ausdruck von Sympathie und Nähe. Humor und Sprachwitz als Verbeugung, nie Zeichen der Überhebung. Freilich steckt Braun, der späte Chronist, auch selbst tief in der Geschichte - "denn es ist jetzt mein eigenes Gebiet, das unbesetzt ist, von den Truppen der Doktrin und des Glaubens". Frei von jeglichen, auch den selbst auferlegten Zwängen, kostet der Erzähler den Geschmack der Freiheit, preist den Genuss der Selbstbestimmung.

Viele kleine Episoden fügen sich zu einer Chronik, lakonisch in Ablauf und Stil, meisterhaft verdichtet und ironisch wieder gelockert und durch Verweise verlängert ins Heute. Keine Nostalgie. Staunen nur. Und Bewunderung, für den Mut der beherzt Handelnden und ihr "unverschämtes Beginnen" - "so haben wir uns durchgewurstelt".

i Volker Braun: Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 128 S., 16.80 Euro.

Der Autor ist gemeinsam mit Tankred Dorst und Arno Surminski zu Gast im nächsten "Weimarer Salon", der am Sonntag, 5. September, 22.50 Uhr, im MDR-Fernsehen gesendet wird.