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09.12.2007

Schüler schreiben ihr Buch des Lebens

von Frank Quilitzsch TLZ

Erfurt. (tlz) Sie zeichnen, malen und drucken sich selbst. Wer sich selber aufschließt, kommt anderen näher, lautet ihr Grundsatz. Und so teilen sie nicht nur den Alltag miteinander, sondern erzählen sich auch gegenseitig ihre Geschichten: 12 Kinder aus der Ukraine und 13 Kinder aus Thüringen. Gemeinsam haben sie zwei Wochenenden lang in einer Erfurter Jugendherberge an einem gemeinsamen Lebens-Buch gearbeitet, das von einem Verlag herausgebracht werden soll.
Noch stecken die jungen Büchermacher, unter fachkundiger Anleitung von Thüringer Schriftstellern und Malern, mitten in der Arbeit. Doch an der Wand hängen bereits die fertigen Selbstporträts. Sophie Rosahl aus Erfurt hat sich mit einem blauen Halsband gezeichnet; der neugierige Blick und der warme Ton ihres Haars sind zauberhaft getroffen. Neben ihr übt sich Valja Tarasowa an einer Drucktechnik. Sie stammt aus einem Ort in der Ukraine, der einst von der Atomkatastrophe in Tschernobyl betroffen war. Zusammen mit 24 anderen Kindern aus der Kiewer Umgebung kann sie sich auf Einladung des Weimarer Tschernobyl-Vereins derzeit in Thüringen erholen.

Alle Texte und Illustrationen schaffen die 10- bis 12-Jährigen selbst. Denn im Büchermachen sind sie geübt. Die Ukrainer haben ihre kleinen, in der Heimat entstandenen Kunstwerke mitgebracht, mit denen sie sich für die Erfurter Werkstatt empfahlen. Die 13 Thüringer sind die Gewinner im Wettbewerb "Bücher ohne Grenzen", den der Bödecker-Kreis an Thüringer Schulen veranstaltet hat.

Alltags-, Sagen-, Heimat- oder Science-Fiction-Bücher: 116 handgemachte Bände aus Thüringen und 200 aus der Ukraine künden von dem Gestaltungstalent der Schüler. Das soll sich auch in dem Buch der Bücher widerspiegeln, das nun in Kollektivarbeit entsteht, über Länder- und Sprachgrenzen hinweg.

Ein Buch der Bücher

"Wir reden Englisch", sagt Desire Patega aus Gotha. Russisch hat heute kaum noch jemand im Unterricht. Wenn es kompliziert wird, hilft eine Dolmetscherin aus. Und dann haben sie ja noch Hände und Füße, die man in der Diskussion einsetzen kann.

Sophie hat sich mit einem Comic für die Werkstatt beworben. "Was ich hier gelernt habe?" Sie überlegt einen Moment: "Wie man sich selber malt." Die Neu-Erfurterin schrieb über ihren Umzug aus Freiburg im Breisgau in die thüringische Landeshauptstadt. "Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man irgendwo neu ist." Da kann sie sich gut in Valja hinein versetzen. Die hübsche Ukrainerin hat in Erfurt neue Freunde gefunden und sogar "ein bisschen Deutsch" gelernt - beim gemeinsamen Bowling, beim Schwimmen und auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt. Ihr handwerkliches Rüstzeug hat Valja schon von daheim mitgebracht; was die musische Ausbildung betrifft, sind die ukrainischen Kinder den thüringischen eine Nasenlänge voraus. Aber man kann und will ja voneinander lernen.

Ellen Blumert vom Thüringer Bödecker-Kreis ist zufrieden über die Resonanz im Wettbewerb, den das Kultusministerium mit 18 000 Euro gefördert hat. Ganze Schulen haben sich am Büchermachen beteiligt. Die ersten Plätze gingen nach Suhl, Altenburg und Meiningen. Förderschulen in Erfurt und Hermsdorf erhielten einen Sonderpreis. Doch gewonnen haben selbstverständlich alle.