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24.08.2006

Schrilles Konzept gegen verstaubtes Bücherei-Image

von Katja Grieser Ostthüringer Zeitung

Greizer Bibliothek setzt auf die Jugend

Von Katja Grieser Greiz. "Ich weiß nicht, ob alles richtig ist, was wir machen. Wir sind auf jeden Fall schriller und lauter als andere Bibliotheken", schätzt Corina Gutmann, Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek Greiz, ihre Arbeit und die ihrer Mitarbeiter ein. "Deshalb habe ich auch nicht damit gerechnet, dass wir den Thüringer Bibliothekspreis bekommen", sagt sie. Als ihr am Dienstag der Brief vom Thüringer Bibliotheksverband und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen ins Haus flatterte, in dem stand, dass Greiz den Preis und damit 10 000 Euro gewonnen hat, konnte es die Büchereichefin kaum fassen.
Zum dritten Mal hat sich Greiz um den Preis beworben, immer mit dem selben Konzept. Denn das verfolgt Gutmann seit 1993. In dem Jahr ist die Bibo umgezogen in das Haus am Kirchplatz. "Hier waren erstmals alle Abteilungen vereint", erinnert sich die Leiterin der Einrichtung. Hinzu kam die günstige Lage und das historische Ambiente, in das sich die Bücherei eingliederte. Und, besonders wichtig: die Nähe zu Gymnasium und Musikschule. Genau das stellte sich als ideal für das Konzept heraus, das Corina Gutmann umsetzen wollte.

Ziel war und ist es, so viele Leute wie möglich, vor allem aber die Jugend in die Bibliothek zu holen. Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sich Corina Gutmann mit diesem Thema. Die graue Theorie wollte die Bibliothekarin in Greiz in die Praxis umsetzen. "Wir haben klein angefangen, mit Veranstaltungen, Konzerten", erzählt die 44-Jährige. Nach und nach wurden Kontakte zu Schulen aufgebaut und gemeinsame Projekte gestartet. "Dadurch haben wir uns einen gewissen Ruf erarbeitet", denkt Gutmann. Bestätigt sah sie dies, als anderthalb Jahre nach dem Umzug Dr. Martin Straub von Lesezeichen e. V. vor der Tür stand. Oder als Hans-Joachim Frank, damaliger Intendant des Theaterherbstes, an sie herantrat. Beide wollten eine Zusammenarbeit.

Brücken bauen - das ist Corina Gutmann wichtig. "Ich glaube, wir sind die Einzigen, die in allen Kultureinrichtungen der Stadt Veranstaltungen hatten", sagt sie. Ausgeschwärmt ist die Bibliothek ins Kino, ins Theater, in den Pferdestall oder ins Sommerpalais, zusätzlich zu den Veranstaltungen in der Bibliothek.

Bei ihrer Arbeit hat die Bibo-Chefin immer die Jugend im Blick. "Wenn ein Jugendlicher sagt, er will hier ne Ausstellung machen, nehm ich ihn ungesehen. Es muss keine große Kunst sein", sagt Corina Gutmann, die gestehen muss, dass sie mit ihrer etwas anderen Art, eine Bibliothek zu führen, auch so manchen Rückschlag hat einstecken müssen. Doch insgesamt hat es sich gelohnt, findet sie. Und denkt dabei besonders an den Kooperationsvertrag mit dem Gymnasium oder an die gute Zusammenarbeit mit der Musikschule. "Wir haben im Notenbestand viel angeschafft. Hier gibt es Absprachen mit den Lehrern, damit wir nichts Sinnloses kaufen", nennt Gutmann ein Beispiel.

Geschafft hat die engagierte Bibliotheksleiterin mit ihrem unkonventionellen Konzept einiges. 60 bis 70 Prozent der 73 000 Besucher sind Jugendliche. Stolz kann sie auf die über 220 000 Entleihungen im letzten Jahr sein, vor zehn Jahren seien es gerade mal 100 000 gewesen. Selbst die Einführung von Bibliotheksgebühren zu Beginn des Jahres habe sich kaum negativ ausgewirkt. Zwar sind es seitdem etwa 20 Prozent weniger eingetragene Benutzer, dafür nur drei Prozent weniger Entleihungen.

Ziele hat Corina Gutmann einige. Obwohl viele Jugendliche in der Bibliothek ein und aus gehen, sieht sie die Einrichtung keineswegs als "Spaßbibliothek", sondern vielmehr als Mosaikstein in der Bildungslandschaft. Da die Einrichtungen mit 100 000 Büchern, Noten, CDs, Schallplatten aus allen Nähten platzt, wünscht sie sich einen Anbau. Wintergarten und Lesecafé sind weitere Wünsche, an deren Realisierung Corina Gutmann derzeit jedoch nicht wirklich glaubt. Das wichtigste Ziel aber ist, "dass möglichst jeder Greizer hier angemeldet ist." So viel Elan musste die Jury einfach überzeugen.