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18.05.2011

Schriftstellerlesung im Knast - Ein Erfahrungsbericht

von Matthias Biskupek TLZ

Matthias Biskupek las bei den "Lesefluchten". Foto: Sascha Willms

Matthias Biskupek las im Rahmen des Projekts "Lesefluchten", mit dem der Thüringer Literaturrat die Gefängnisbibliotheken des Landes unterstützen und die Häftlinge zur Auseinandersetzung mit der eigenen Situation anregen will.

Hohenleuben. Ich hatte an fast alles gedacht: Rucksack und Taschenmesser draußen lassen, Ausweis für Anmeldung mitnehmen, die nötigen Bücher und Manuskripte in einer Tasche verstauen. Sehr freundliche Begrüßung, Auf- und Zu- und Auf- und Zuschließen, wie man es aus Filmen kennt. Der Freizeit- und Vortragsraum. Drei lange Reihen harter Stühle, Blick auf die hohe grauweiße Betonmauer, davor der Zaun, silbern glänzender Stacheldraht. Ein Podest im Raum, rotweißes Fahnentuch darauf, das Lesetischchen mit Wasserglas für den Schriftsteller. Die freiwillig zur Lesung angemeldeten Häftlinge kamen nacheinander, junge und mittelalte Männer, einige Brillen, einer mit tiefschwarzem Bart, blaue T-Shirts, blaue Sandalen; so sieht heute wohl die Anstaltskleidung aus. Anwesenheitskontrolle. Mir fiel meine Tasche ein, die ich neben den Lesetisch gestellt hatte. "P.E.N. Zentrum Deutschland" stand auf der Rückseite. Die Seite zum Saal hin zeigte sehr dicken, schwarzen Stacheldraht, darüber in weißer Schrift "Für die Freiheit des Wortes". Schwarz ganz unten "Writers in Prison".

Lief bei Ihnen mal was schief?

Ich hatte mich vorher erkundigt, was ich fragen dürfe, ob man die Sicherungsverwahrung diskutieren könne. Lieber nicht, sagte die Beamtin. An die Tasche hatte ich nicht gedacht. Ich las zwei meiner kulinarischen Kurzkrimis. In einem kamen Worte wie "Verhörraum", "Knast" und "Schließerschwein" vor; übliche Krimi-Zitate, die für mich plötzlich anders klangen. Erstaunliche Reaktionen, nicht nur bei solchen Reizwörtern, Zwischenapplaus und für eine reine Männerrunde langer Schlussbeifall. Das Gespräch berührte Übliches. Wann schreiben Sie? Wann haben Sie angefangen? Wie viel verdienen Sie? Was schreiben Sie am liebsten? Aber ich wurde auch gefragt: Was haben Sie über Gefängnisse gedacht, bevor sie herkamen? Ich sprach von den Medienbildern, die wir alle in uns hätten, und von einer Knastlesung vor zwanzig Jahren, als die Demokratie noch sehr jung war. Wie werden Sie hinterher über das hier und über uns denken? Hatten Sie schon Zeiten in Ihrem Leben, die Ihnen als vergeudet vorkamen? Was haben Sie bisher bereut? Lief bei Ihnen mal was schief?

Ich sagte natürlich jenes Zitat, das ich immer mal anbringe: "Der Mensch, richtig verwendet, schreibt nicht." Ich versuchte auch, mich auf jene übliche elegante Weise herauszureden, die wir mit der Außensicht immer und überall beherrschen: Ich weiß nicht, wie ich gehandelt hätte. Mir fallen an dieser Stelle Geschichten aus DDR-Knästen ein, derer ich viele las. Bei der gegenwärtigen Aufarbeitung scheint es, als hätten dort samt und sonders unschuldige Menschen, nur politisch Verfolgte, gesessen. Während die heutigen Knast-Diskussionen, zumal in Massen-Medien, eher darauf hinauslaufen, dass lediglich an den Täterschutz gedacht würde und die Opfer von Straftaten nie zu Wort kämen. Zweifelsohne: Ich saß hier Tätern gegenüber. Die aber mit ihrer Situation zurecht kommen wollten - wozu Lesen beitragen kann. Auch Schreiben kann hilfreich sein - der Häftling muss ja nicht über seine gegenwärtige Situation, das Mobbing, die Knasthierarchie, schreiben. Das könnte Mitgefangenen gar nicht gefallen und der JVA-Leitung ebenfalls nicht.

Schreiben zur Ent-Schuldung?

Doch man kann über Kindheit, die Welt draußen, die Träume gestern und morgen schreiben. Nicht zur Entschuldigung oder zur Ent-Schuldung. Zur Erklärung. Zur Bewältigung. Zur Selbstreinigung. Ich weiß nicht, ob ein "Writer in Prison" unter den Zuhörern war. Man soll nicht nach den Berufen, nach Haftgründen fragen und nicht weitergeben, was einem bekannt wurde. Das hat wohl mit zweierlei zu tun: Mit der Sicherheit. Und mit der Menschenwürde. Eine Schweige-Verpflichtung hat man vor dem Besuch zu unterschreiben. Was nicht heißt, dass über Gefängnisse hierzulande geschwiegen werden muss. Ich habe übrigens, als die ersten Häftlinge in den Saal schlenderten, meine Tasche mit den schwarzen Stacheldrahtzeilen unter den Tisch gestellt.