Presse - Details

 
09.06.2011

Schriftsteller und Weimarpreisträger Jorge Semprún gestorben

von Michael helbing Thüringer Allgemeine

Jorge Semprún war viele Jahre Häftling im Konzentrationslager Buchenwald. Foto: Maik Schuck

Seinen ersten Spaziergang durch Weimar unternahm Jorge Semprún am 12. April 1945, begleitet von einem US-amerikanischen Offizier. Es war der Tag nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, in das der junge Spanier, der im französischen Widerstand aktiv war, 15 Monate zuvor in einem Viehwaggon deportiert worden war.Weimar Jorge Semprún wird bei diesem Spaziergang, auf dem er erstmals Goethes Gartenhaus erblickte, in die Gesichter von Weimarern gesehen haben, die von Buchenwald nichts wissen wollten, gar nichts gewusst haben wollten. 50 Jahre später steht der Jorge Semprún im vollbesetzten Nationaltheater, die Weimarer entbieten ihm dort Applaus und stehende Ovationen. So war es schon am Abend zuvor gewesen, als er im Goethe-Gymasium aus seinem Buch "Schreiben oder leben" las. Jetzt empfängt er den Weimarpreis. Die Stadt ehrt damit den Schriftsteller, den unabhängigen Intellektuellen, den streitbaren Politiker. Aber, so sagt damals Volkhard Knigge in seiner Laudatio: "Zu sagen ist vielmehr, dass der Stadt Weimar (. . .) Ehre zuteil wird dadurch, dass Jorge Semprún diesen Preis annimmt und zu fragen ist, wie diese Ehre verdient werden kann."

 

Zu allererst, beschreibt indes Semprun seine Identität, sei er Häftling im einstigen Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Drei Jahre zuvor besuchte er erstmals seit 1945 beides: die Stadt und vor allem das ehemalige Lager, begleitet von seinen Enkeln und dem Journalisten Peter Merseburger. Erst an diesem Tag erfuhr er, was ihm einst das Überleben rettete. Er sah seine Karteikarte von damals, auf der er nicht als der Student eingetragen war, der er gewesen war, was er mit trotzigen Stolz angegeben hatte. Ein Mithäftling aus der Lagerverwaltung notierte: "Stukateur". Ein solcher war nützlich in Lagerwerkstätten und lief nicht Gefahr, in den Stollen von Mittelbau-Dora eines um ein noch Vielfaches sichereren Todes zu sterben. "Ich hielt meine Karte in der Hand, ein halbes Jahrhundert später, ich zitterte", schrieb Semprun 1997.

Die Szene ist auch Teil des Fernsehfilms "Die Zeit der Stille", der 2010 nach Semprúns Erinnerungen entstand. Dreharbeiten dazu fanden in Buchenwald und Weimar statt. Zur Deutschlandpremiere vor zwei Monaten war der Schriftseller in die KZ-Gedenkstätte eingeladen, musste sich aber in Paris einer Operation unterziehen lassen. "Ich wünsche Jorge Semprún" gute Genesung", sagte Kultusminister Christoph Matschie , "und hoffe, dass wir ihn in Thüringen wieder begrüßen können." Diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Beim Treffen der EU-Kulturminister in Weimar hielt Jorge Semprún 1999 eine beachtliche Rede über die Quellen europäischer Identität und stattete Oberbürgermeister Volkhardt Germer einen freundschaftlichen Besuch im Rathaus ab. 2003 erhielt er im Stadtschloss die Goethe-Medaille in Würdigung seines Bekenntnisses zu eben jener europäischen Identität.

Zwei Jahre später sorgte er in Weimar aber für Empörung unter einstigen Mithäftlingen. Es war der 10. April 2005, ein Festakt im Nationaltheater zum 60. Jahrestag der Lagerbefreiung. Er sprach dort eine zu schmerzliche Wahrheit aus: dass es nämlich bei den Gedenkfeiern zehn Jahre später wohl keine Überlebenden mehr geben werde. "Niemand wird mehr sagen können: Ja, so war es, ich war dabei." Auch für  Jorge Semprún selbst hat es sich bewahrheitet. Seine letzte Gedenkrede hielt er im April vergangenen Jahres in der Gedenkstätte Buchenwald . An diese erinnerte sich gestern auch Oberbürgermeister Stefan Wolf : "an seine Präsenz und seine Stimme, mit der er auf dem Appellplatz von Buchenwald vor unserem inneren Auge noch einmal plastisch und bewegend zugleich das Erinnerungsbild von der Ankunft der jüdisch-amerikanischen Befreier im April 1945 entwarf." Wolf erklärte: "Mit Jorge Semprún stirbt ein Freund Weimars.