Presse - Details

 
10.04.2013

Schriftsteller und Journalist Stefan Heym vor 100 Jahren geboren

von Matthias Biskupek TLZ

Suchte oft die Zustimmung: Stefan Heym wurde 1913 in Chemnitz geboren und starb 2001 als Mann mit starkem Willen. Foto: dapd

Emigrant, US-Soldat, Sozialist und einer der einflussreichsten DDR-Schriftsteller. Vor 100 Jahren wurde der jüdische Schriftsteller Stefan Heym in Chemnitz geboren.

Chemnitz.  Dass er aus Chemnitz stammte, war am leicht sächsischen Tonfall noch bei seiner Bundestagseröffnungsrede 1994 zu hören, als er eine Lektion in Demokratie und Zivilcourage jenen erteilte, die trotzig und borniert sitzen blieben, keinen Beifall zollen mochten: den Mitgliedern der Unions-Fraktion. Die wollten damit Antwort geben auf eine punktgenaue Enthüllung der "Gauck-Behörde" genannten Einrichtung.

Die Stasi-Verstrickung Heyms war keine, wie sich anderntags herausstellte - aber Akten hatten genügt, das Kollektiv einer Kanzler-Mehrheit, zu der auch die derzeitige Kanzlerin gehörte, zusammenzuschweißen. Nein, eine Frau bewies Zivilcourage: Rita Süßmuth. Die stand und gratulierte.

In Chemnitz, mehr als sechzig Jahre zuvor, als er noch der aus jüdischem Textilhändlerhause stammende Helmut Flieg war, hatte Heym zum ersten Mal sichtbar gegen das Kollektiv der Masse und der Dummheit opponiert. Das Anti-Offiziers-Gedicht des Gymnasiasten war von einer sozialdemokratischen Zeitung veröffentlicht worden. Die Chemnitzer überfüllten eine Nazi-Versammlung und forderten Rache, wenigstens den dauerhaften Schulverweis von allen Bildungseinrichtungen. Kommen uns solche Forderungen nicht aus späteren Deutschländern bekannt vor?

Flieg ging nach Berlin, wo es Zivilcourage bei Schulleitern gab, legte das Abitur ab, emigrierte nach Prag, verschwand als Stipendiat aus Europa, wie das damalige deutsche Kriegs-Kollektiv es Juden angeraten sein ließ. In den USA wurde der schwärmerische Schiller- und Kästner-Liebhaber aus Sachsen zum englischsprachigen Schriftsteller und amerikanischen Staatsbürger Stefan Heym mit seinem ersten Roman "Hostages", später "Der Fall Glasenapp".

Schnell streitbarer Zeitungs-Kolumnist

Heym kämpfte in der Armee, wurde 1945 in Deutschland Zeitungsredakteur - doch so richtig gefiel das nicht. Er wurde rückversetzt in die USA, wo inzwischen ein anderes Kollektiv rumorte, das der Amerikaner. Das mochte unamerikanisches Verhalten nicht. Heym ging 1952, wieder über Prag, in die DDR.

Hier begannen oft referierte Wandlungen: Heym, der Er-folgsautor, der streitbare Zeitungs-Kolumnist, der nach wie vor auf Englisch schrieb und sich selbst ins Deutsche übersetzte. Der Romane schnell verfertigte, mit denen er Unmut erregte, weil dem herrschenden Kollektiv-Geist widersprechend. So mit den "Fünf Tagen im Juni" - heute wiederum kritisiert, weil er den 17. Juni nicht zum heroischen Aufstand meißelte.

Dass Heym stilsicher Historie gestalten konnte, wurde in "Die Schmähschrift oder Königin gegen DeFoe" klar. Der "King David-Report" machte als "König-David-Bericht" einer ganzen Generation von DDR-Lesern klar, dass die herrschende Klasse sich gern ihrer Schreiber bedient um das Kollektiv dorthin zu lenken, wo man es haben will.

Seine Solidarität für Biermann bei dessen Ausbürgerung, die Solidarität von Kollegen, die er selber bei einem Devisenprozess erfuhr, seine Rede auf dem Alex am 4. November 1989, all das hat einen sonnigen Platz in der DDR-Kulturgeschichte: Der Individualist kann und soll dem Kollektiv widersprechen - gehört ihm aber in wenigen, historischen Augenblicken an.

Und was gilt heute der Schriftsteller, der Romancier? Die "Crusaders" (deutsch: "Kreuzfahrer von heute") sind Literaturgeschichte - mir gefallen seine Erzählungen und Essays besser, sein Humor in "Immer sind die Weiber weg".

Ich hatte Heym in den Siebzigern bei einer Lesung in Magdeburg erlebt. Anfang der Neunziger veranstaltete Bertelsmann Schriftstellerbegegnungen aus Ost und West auf Hiddensee. Bei einer solchen lernte ich ihn kennen. Er saß, klein und krumm geworden, die Augen nach wie vor groß und charakteristisch, am Tisch und las uns vor.

Anerkennung nach wie vor wichtig

In diesen Tagen war über ihn mitgeteilt worden, dass er für die PDS im Bundestagswahlkampf antreten werde. Das ließ das Kollektiv der Vorsichtigen auf vorsichtige Distanz zu ihm gehen. Ich fasste mir ein Herz und sagte ihm, dass ich seine Kandidatur gut und mutig fände, derlei Partei-Engagement aber für mich kaum nachvollziehen könne.

"Aber Sie finden das gut? Wirklich?" fragte er misstrauisch, und mir schien, als sei ihm Anerkennung nach wie vor wichtig.

Das Kollektiv der Vorsichtigen hatte sich 2001, kurz vor seinem Tod, dazu durchgerungen, Heym zum Chemnitzer Ehren-bürger zu machen. In seiner Vaterstadt lebt wohl keiner der Schmährufer für den Gymnasiasten mehr. Und die Sitzenbleiber im Bundestag tun ihm an diesem 10. April auch alle Ehre.