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28.04.2011

Schriftsteller Schädlich erhält Joseph-Breitbach-Preis

von Wolfgang Hirsch TLZ

Hans Joachim Schädlich: Der 75-jährige Vogtländer nimmt den mit 50.000 Euro höchstdotierten deutschen Literaturpreis am 23. September im Koblenzer Stadttheater entgegen. Foto: Brigitte Friedrich

Mit dem Joseph-Breitbach-Preis 2011 wird Hans Joachim Schädlich ausgezeichnet.

Der 75-jährige Vogtländer nimmt den mit 50.000 Euro höchstdotierten deutschen Literaturpreis am 23. September im Koblenzer Stadttheater entgegen. Er erhält ihn für sein Lebenswerk. Koblenz. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit dem seltsamen Statement, Schädlich sei ein großer "Erzähler unter den Nichterzählern". In seinen Werken zeige er "repressive und manipulative Verhältnisse dort auf, wo sie unverfälscht ans Licht kommen: in beschädigter Sprache". All dies mag für einen promovierten Linguisten mit leidgeprüftem Lebensweg nicht ungewöhnlich sein. Seine Dissertation verfasste der aus Reichenbach stammende Autor über die "Phonologie des Ostvogtländischen". Außer sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist von Schädlich in der DDR nichts erschienen. Er scheiterte an der Zensur. Seine Texte seien zu negativ und zu stark verschlüsselt, hieß es. Erst als er 1976 die Biermann-Petition unterzeichnete, konnte er frei publizieren - nach seiner eigenen Ausbürgerung aus der DDR: bei Rowohlt in Reinbek. Den Fängen der Apparatschiks entronnen, jubilierte Schädlich keineswegs. Sondern stellte lapidar fest, dass der Wechsel in den Westen "die gleichen subjektiven Wirkungen zeitigt wie der Wechsel von einem Sprach- und Kulturraum in den anderen".

Entlarvungen des DDR-Regimes

Obschon ihn diese Brüche und die daraus resultierende Vereinzelung geprägt haben mögen, erging Schädlich sich nie in autobiografischer Betroffenheitsprosa. Dem sensiblen Dissidenten erwuchs zu einer Grundhaltung die Skepsis - auch gegenüber der eigenen Sprache. Mit dem Unterschied von Bezeichnetem und Bezeichnendem wohlvertraut, experimentierte er mit seltsamen Wortfindungen und Satzkonstruktionen. Sein Ziel: "die Dinge fremder zu machen (...), so fremd wie sie in Wirklichkeit sind". Und sie zugleich dem Einfluss der "großen Verfüger" zu entziehen. In "Versuchte Nähe", seinem Debüt 1977, versammelt er 25 Kurzgeschichten, die noch zu DDR-Zeiten entstanden. Die titelgebende Erzählung widmet er einer Maiparade als Beispiel für die tatsächliche Entfremdung von ideologischen Führern und "Tätigen". Dem "Gleichklang gekrümmter Stimmen" misstrauend, sprengt er die Kluft zwischen blendend verblendeter Wahrnehmung und bitterer Wirklichkeit auf: deutsche Teilung und Grenzregime, Personenkult um Politbürostrategen, allgegenwärtige Bedrohung durch die Stasi, Zensur - Schädlich arbeitet eigentümlich, präzise, auf befremdende Weise reduktionistisch und artistisch artifiziell, aber vollkommen logisch. Unbequem ist er, auch für Leser. Zugang erlangen die Beharrlichen, Mitdenkenden. - Bei der Buchmesse 1977 in Frankfurt am Main erregt sein Erstling Aufsehen.
Doch bald wird es wieder ruhig um Schädlich. Nach einer Krise im Schreiben wie der Assimilation an neue Lebensumstände, dem Kinderbuch "Der Sprachabschneider" und weiteren Erzählungen wird der Autor spätestens mit dem Roman "Tallhover" (1986) als Chronist deutscher Verhältnisse kenntlich. Seine Titelfigur, ein im Wandel der Zeitläufte inerter Geheimpolizist und "Sicherheitsbeauftragter", beginnt ihren Dienst im preußischen Vormärz 1842 und endet erst 1955 durch suizidale Selbstjustiz. Konsequent lebt der unscheinbare Tallhover, Blindmuster eines Staatsdieners, am Leben vorbei. Nur nach dem 17. Juni 1953 rebelliert der "Ruhe und Ordnung"-Fetischist, weil seinem Ermessen nach die Obrigkeit nicht rigide genug reagiert. Ins Archiv versetzt, stöbert er vermeintliche Versäumnisse der Geschichte auf und versucht sie durch symbolische Hinrichtungen zu begradigen. Die wahnhafte Utopie eines reinen Staates vollendet er durch Selbstauslöschung.

Ein Dulder des wirklich Absurden

Nach diesem nicht als solchen bezeichneten Roman tritt Hans Joachim Schädlich mit einer Reihe von merkwürdige Lebenswege schildernden Langprosa-Unternehmungen - "Schott" (1992), "Trivialroman" (1998), "Anders" (2003) - sowie mit klugen Essays, Analysen und wenigen Reden über deutsche Zustände hervor. Stets bleibt er sich treu als Sprachsezierer, misstrauischer Außenseiter, genügsamer Dulder des wirklich Absurden. Sein jüngstes Buch, "Kokoschkins Reise", ist wieder so ein lakonischer, verwirrender, untergründiger Abenteuerroman. Da begleitet er einen 95-jährigen Emigranten nach einem letzten, reminiszenzträchtigen Besuch im alten Europa auf der Schiffspassage zurück nach Boston. Kokoschkin war aus St. Petersburg nach der Februar-Revolution geflohen, aus Deutschland nach der NS-Machtergreifung und aus der CSSR nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Wieder verursachte Schädlich Aufruhr im Feuilleton. "Die großen Gefühle, Trauer, Schmerz, Erinnerung und letzte Liebe, all das zwingt er mühelos in die Nussschalen seines kargen Stils", urteilte die FAZ, als einen "Meister der Reduktion" pries ihn die Süddeutsche Zeitung. Er wird es, wie nun die Nachricht vom Joseph-Breitbach-Preis, mit Gelassenheit ertragen haben.