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19.05.2011

Schriftsteller Hultenreich liest im Knast aus seinem Werk

von Kai Mudra Thüringer Allgemeine

Gespanntes Zuhören auch bei der zweiten Lesung von Jürgen Hultenreich am Dienstag in der Haftanstalt in Gräfentonna. Foto: Marco Schmidt

Der Autor Jürgen Hultenreich hat in zwei Gefängnissen aus seinem kontroversen Roman "Schillergruft" gelesen. Die Lesereihe organisierte der Thüringer Literaturrat zur Unterstützung der Knast-Bibliotheken.

Suhl. Ob er wieder gerne nach Erfurt komme. "Ja", antwortet Jürgen Hultenreich und fügt an: "Wenn ich einige Bürger dort austauschen könnte!"

Der Frust über seine Untersuchungshaft 1966 im Stasi-Knast in der Erfurter Andreasstraße sitzt noch immer tief. Auch weil er gleich danach sechs Monate Qualen in einer geschlossenen Einrichtung der Psychiatrie in Pfafferode bei Mühlhausen erleiden musste. Ob er Rachegefühle hege, folgt prompt eine weitere Frage. Wieder ist die Antwort "Ja". "Warum hat sich dieser oder jener Stasi-Spitzel nicht bei mir entschuldigt?" Bis heute sei nicht einer von denen gekommen, erregt sich der in Berlin lebende Schriftsteller. Auch deshalb hätte er es gern gesehen, wenn sie für ihr Schnüffeln bestraft worden wären. Also ließ Hultenreich vor einigen Jahren in Erfurt durchsickern, dass er wieder einmal kommen und diesmal "aufräumen" werde. Daraufhin habe sich ein Mensch, der ihm früher ein guter Freund, aber eben auch bei der Stasi war, "couragiert das Leben genommen". Die Schilderung provoziert, erschreckt. Hat der das eben wirklich so gesagt? Ja. Im Besucherraum mit seinem verblasstem DDR-Charme der Haftanstalt Suhl-Goldlauter herrscht kurzes Schweigen. Fast zwei Dutzend Häftlinge lauschen dem Mann, der vor ihnen am Tisch sitzt und aus seinem autobiografischen Roman "Schillergruft" liest. Der aber auch über sein Leben erzählt. Geplant war das Suhler Gefängnis als Stasi-Knast. Fertig wurde der Bau in die Wendezeit, sodass die ersten Gefangenen im Januar 1991 einzogen. Hultenreich trifft den Nerv seiner Zuhörer. Einige von ihnen könnten in seinem Alter sein. Die meisten aber wirken deutlich jünger. Sie begingen Fahrerflucht oder Betrügereien, schwere Diebstähle, Körperverletzungen. Nach zweieinhalb Jahren sind sie zumeist wieder draußen. Der Autor schildert, wie er 1966 als 17-Jähriger mit einer Kneifzange versucht hatte, über Tschechien nach Bayern zu fliehen. Er wurde erwischt und landete im Erfurter Stasi-Knast. Nachts um drei ging es zu den Verhören, doch er bestritt die Fluchtabsicht. "Ich habe immer erzählt, dass ich tschechische Mädels besuchten wollte." Das aber glaubte ihm damals niemand. Die Häftlinge lächeln. Ein Gefangener, der den Roman gelesen hatte, gibt zu Beginn der Lesung eine kurze Einführung. Erste, auch sehr persönliche Fragen werden gestellt, und Hultenreich erzählt kurz, wie er in Erfurt eine Lehre als Schaufenstergestalter im Centrum-Warenhaus, dem heutigen "Anger 1", absolvierte, sich frühzeitig für Schiller interessierte, weil ihn dessen Freiheitsideal faszinierte. Wurden die Flucht, die Festnahme, die Untersuchungshaft und der erste Prozess noch mit Humor aufgeschrieben, so folgen düstere Kapitel mit seinen Erlebnissen in Pfafferode.

Das Kreisgericht Erfurt verfügte damals, den Jugendlichen einzuweisen, weil er sich mit Schiller verteidigte. Die Psychiater sollten klären, ob er normal ist. Und natürlich wurde eine Antwort auf die Frage erwartet, ob der 17-Jährige in den Westen flüchten wollte und wer seine Hintermänner sind. Die Ärzte malträtierten Jürgen Hultenreich mit Elektroschocks, sein Bewusstsein vernebelten Psychopharmaka. Die Fluchtabsicht gab er trotzdem nicht zu. Dafür begegnete er einem Psychiater, der wie er Schiller-Fan war. Dessen Expertise für den zweiten Prozess hat dem Jugendlichen damals wahrscheinlich eine langjährige Haftstrafe erspart. Vor drei Jahre beschimpften den Schriftsteller während einer Lesung in einer Kirche in der Nähe der psychiatrischen Anstalt Zuhörer als Lügner für die Schilderungen der Zustände. Ein älterer Häftling meldet sich: "Großen Respekt vor Ihrem Mut. Ich hätte ihn nicht gehabt", sagt er. Spontan folgt Beifall. Hultenreich erwidert, dass es eher Naivität gewesen wäre als Mut. Er habe anfangs nicht gewusst, was auf ihn zukommt. "So wie wenn man in den Wald reingeht und dann plötzlich Rübezahl begegnet." Gegen Ende der Lesung kreist das Gespräch wieder um den Rache-Gedanken. "Wäre Vergebung denkbar?", schwebt als Frage im Besucherraum. "Man kann jemandem erst vergeben, wenn er seine Schuld eingestanden hat", verdeutlicht Hultenreich seine Haltung. Es ist ein zweischneidiges Schwert, das der Autor den Gefangenen anbietet. Er rechtfertigt mit dieser Antwort moralisch die eingangs erzählte Geschichte, bei der einer seiner Spitzel aus dem Leben schied. Den Häftlingen macht er auch klar, wo sie die Schuld für ihre Vergehen zu suchen und wie sie damit umzugehen haben. Hultenreich hatte Glück. In seiner zweiten Verhandlung zur Republikflucht erhielt er eine Bewährungsstrafe und kam frei. Ein zweifelhafter Erfolg aus seiner Sicht. Er war wieder in der DDR, aus der er flüchten wollte. Erst 1985 kam seine Ausweisung. Nach einem Interview im Westfernsehen wurde er innerhalb eines Tages regelrecht "rausgeschmissen". Die Häftlinge sind beeindruckt. Für das Projekt "Lesefluchten Literatur für Thüringer Gefängnisbibliotheken" war die Lesung eine gelungene Werbung. Manch ein Gefangener wird sich sicher den Roman ausleihen, um nachzulesen, was nur angerissen wurde. Hultenreich dagegen eilte bereits in ein weiteres Thüringer Gefängnis. In Gräfentonna bei Gotha sitzen zwei ältere Damen vor der Anstalt auf einer Bank, als er am Eingang schnell noch fotografiert wird. Mit spitzbübischem Lächeln bemerkt er: "Es ist ein Erinnerungsfoto. Ich gehe jetzt in den Knast..."