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17.10.2014

Schriftsteller Ferdinand von Schirach "Die DDR war ein Unrechtsstaat"

von Ulrike Merkel IOstthüringer Zeitung

Schriftsteller Ferdinand von Schirach eröffnet am kommenden Sonntag die Lesereihe. Foto: Arno Burgi/dpa

Herr von Schirach, in Ihrem Essayband "Die Würde ist antastbar" diskutieren Sie brisante Themen, die unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren umtrieben. Gegenwärtig dominiert der islamistische ISIS-Terror die mediale Berichterstattung. Wie bedroht sollten wir uns hierzulande Ihrer Meinung nach fühlen?

Ich bin kein Politiker, die Gefahr, die von diesen Terroristen ausgeht, kann ich kaum einschätzen. Aber wir sollten uns davor hüten, wegen solcher Bedrohungen unsere Verfassungsgrundsätze in Frage zu stellen. Diese Überlegungen gibt es leider. Günther Jacobs zum Beispiel, einer der brillantesten Rechtsprofessoren, unterschied schon 1985 in einem Aufsatz zwischen "Feindstrafrecht" und "Bürgerstrafrecht". Er berief sich dabei auf die Vertragstheorie von Thomas Hobbes: Ein Mensch, der die Gesellschaft verlasse, begebe sich in einen gesetzlosen Naturzustand und werde zum Feind. Und als Feind müsse er bekämpft werden. Terroristen, die Staat und Verfassung angreifen, sind danach Rechtlose, Vogelfreie. Nach dieser Theorie dürfen sie gefoltert oder getötet werden, wenn sie unsere Gesellschaft zerstören wollen - ein Lager wie in Guantanamo wäre danach also auch in Deutschland legal. Glauben Sie bitte nicht, das wäre bloß eine abstrakte Diskussion - sie wird erbittert geführt, und es gibt mittlerweile viele ernsthafte Leute, die einem solchen Feindstrafrecht zustimmen. Nach dem 11. September sagte Jacobs übrigens: "Die Bindungen, die sich der Rechtsstaat gegenüber seinen Bürgern auferlegt, sind gegenüber Terroristen schlechthin unangemessen." Ich bin sicher, dass wir in kurzer Zeit unsere Freiheit verlieren, wenn wir uns entschließen, so zu handeln.

Noch eine Frage an den Analytiker Ferdinand von Schirach: Am 9. November feiern wir 25"Jahre Mauerfall. Ist die Wiedervereinigung ein Erfolgsprojekt?


Natürlich.

Warum?

Wir sind mittlerweile gewohnt, fast alles unter finanziellen Gesichtspunkten zu beurteilen. Aber tatsächlich geht es um die Menschen, nicht um Geld. Ich glaube nicht, dass - außer einige Verwirrte - heute noch jemand ernsthaft bezweifelt, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Menschen wurden ohne jeden Grund jahrelang eingesperrt und gefoltert, Künstler und Schriftsteller wurden verboten, Bürger, die nichts anderes wollten, als ihr Land zu verlassen, wurden an der Grenze erschossen. Es gibt heute andere Probleme, natürlich, viele davon wiegen auch schwer. Aber dennoch, sie sind unbedeutend, wenn man sich ansieht, was erreicht wurde. Eine friedliche Revolution, die zur Freiheit der Menschen führt, ist doch immer eine Erfolgsgeschichte, ganz ohne jeden Zweifel.

Ihr Buch vereint 13 prägnante Essays, vom Schauprozess gegen Jörg Kachelmann bis zu Ihrem Großvater, den NS-Reichjugendführer Baldur von Schirach. Welche Themen werden Sie in Jena herausgreifen?

Es wird um Gerechtigkeit, Recht und Moral gehen. Außerdem werde ich aus meinen Büchern lesen und mit dem Publikum diskutieren.

Wie schwer fiel es Ihnen, sich schriftstellerisch mit der Nazi-Vergangenheit Ihres Großvaters auseinanderzusetzen?

Der Text in diesem Buch war der erste, den ich über ihn geschrieben habe. Er wird auch der letzte sein. Vielleicht können Sie es daran ermessen.

Ihr Urgroßvater war von 1909 bis 1918 Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Was bedeutet Ihnen Thüringen?

Weimar war ein Zentrum der Geschichte. Denken Sie nur an die Weimarer Klassik, an Goethe, Schiller und Herder, an ihre Bücher, Schriften und Theaterstücke, die die Welt veränderten. Möglich wurde das durch den Herzog Carl August, dem ersten Herrscher in Deutschland, der seinem Staat eine richtige Verfassung gab. Und dann später, unter Wilhelm Ernst, erblühte Weimar wieder. Der wunderbare Henry van der Velde lebte damals in Weimar und in Berlin. Noch später wurde das Bauhaus in Weimar gegründet - nicht in Dessau, wie viele glauben - und die deutsche Nationalversammlung fand hier statt. Weimarer Arbeiter, einfache Leute, verteidigten die Demokratie. Der große Freigeist und Memoirenschreiber Harry Graf Kesseler kämpfte zuerst von Weimar aus gegen die Nazis. Die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen - es gibt wohl wenig Orte, an denen Geschichte so lebendig ist.

Sie sind einer der erfolgreichsten deutschen Autoren. Welchen Schriftsteller können Sie selbst nicht mehr aus der Hand legen?


Die wechseln, aber einige werden wohl immer bleiben: Goethe, Raymond Carver, Anton Cechov, Ernest Hemingway, Erich Kästner, Franz Kafka, Evelyne Waugh, Leo Tolstoi. Und natürlich Thomas Mann, den ich immer und immer wieder lese.

! Lesung: Sonntag, 19.10., 20 Uhr, Volkshaus Jena, Karten: (03641) 498060

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