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30.01.2003

Schriftsteller als "Sozialfälle"

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz/fqu) Nicht nur bildende Künstler, auch mehr und mehr freischaffende Schriftsteller werden in der reichen Bundesrepublik Deutschland in jüngster Zeit zum "Sozialfall". Auf diesen skandalösen Misstand macht der Verband Deutscher Schriftsteller (VS) in Thüringen aufmerksam.

"Die meisten VS-Mitglieder sind freiberuflich und verdienen ihr Geld genau dort, wo das Land zerspart wird: ,freiwillige´ Leistungen der Kommunen (Bibliotheken, Lesungen), Zuwendungen der Kunst- und Kulturministerien (Stipendien, Zuschüsse für Buchprojekte), ,frei verfügbare Manövriermasse´ für Theater (Honorare für Stückaufträge), Honorarfonds der Medien für freie Mitarbeiter - alles wird drastisch zurückgefahren, zum Teil bis auf Null", stellt der Thüringer VS-Vorstand fest.

In einem Antrag an den im März in Wolfenbüttel stattfindenden VS-Bundesdelegiertenkongress fordern die Thüringer Autoren, dass die Gewerkschaften sich endlich dem allgemeinen Tatbestand stellen: "Ver.di hat bisher gegen diese Sparpraxis, die VS-Mitglieder viel drastischer trifft als alle Steuererhöhungen zusammen, nichts unternommen - sondern versteht sich in erster Linie als Kämpfer für Festangestellte", heißt es in dem Papier. Der Vorstand macht auf die immer krassere Umverteilung des Reichtums in der Bundesrepublik aufmerksam: "War der Unterschied zwischen geringen und Spitzen-Einkommen innerhalb eines Unternehmens vor 40 Jahren noch 1:40, so ist dieser jetzt 1:500." Sei, so fragen die Autoren, "ein ,Leistungsträger´, also ein Aufsichtsratsvorsitzender, fünfhundert Mal mehr wert als ein ,Sozialfall´, sprich, ein freier Schriftsteller?"

Die Gewerkschaft, sofern sie sich wirklich als Interessenvertreter aller ihrer Mitglieder versteht, möge einen Fonds oder eine Stiftung bilden, in die alle besserverdienenden Mitglieder, vom Gewerkschaftsfunktionär über den Auflagenmillionär bis zum Dezernenten freiwillig einen bestimmten Beitrag monatlich einzahlen, heißt es in dem Antrag an den Bundeskongress.

Sparen sollte ver.di an den Gehältern ihrer Spitzenfunktionäre, die unangemessen hohe Monatsgehälter von 12 000 Euro und mehr beziehen. Mit diesem Geld könnte der Schriftstellerverband wichtige Buchprojekte, Lesungen und Ausstellungen unterstützen. Man könne anstelle "freiwilliger" Aufgaben einen Katalog kultureller Pflichtaufgaben zusammen stellen, die aus diesem Fonds finanziert werden, schlägt der Thüringer VS-Vorstand vor.