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13.11.2013

Schloss und Panzer im See

Schlossherr Otto von Butler (rechts) begrüßte Sagendetektiv Rainer Hohberg, der im Rittersaal des Wildprechtrodaer Schlosses viel Interessantes über die Sagenwelt Thüringens zu berichten wusste. Foto: Annett Wöhler

Wildprechtroda - Warum in Schmalkalden einst schaurige Wassermenschen ihr Unwesen trieben, ob es wirklich in Stadtlengsfeld Werwölfe gab oder was eine Durchblutungsstörung des Herzens mit dem Hockauf-Dämon zu tun hat - all das und mehr aus der mystischen Welt der Thüringer Sagen konnte man beim Vortrag des Sagendetektivs Rainer Hohberg im Wildprechtrodaer Schloss erfahren. Eingeladen hatte der Verein für Ortsgeschichte, dessen Mitglieder sich bei der Ausgestaltung der Lesung viel Mühe gegeben hatten: Fackeln wiesen den Weg zur Schlosstreppe und sorgten ebenso für stimmungsvolle Atmosphäre wie die stilechte, mittelalterlich-dörfliche Gewandung der Frauen um Ortsteilbürgermeisterin Carola Weber. Kerzen flackerten in den Fenstern des Rittersaals, Getränke standen bereit. Im September 2014 feiert Wildprechtroda sein 775. Jubiläum - die Vorbereitungen dafür laufen bereits auf Hochtouren. Viele neugierige Zuhörer hatten sich eingefunden, unter ihnen Schlossherr Otto von Butler und seine Frau Barbara.

Rainer Hohberg ist ein ausgewiesener Kenner der Thüringer Sagenwelt. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Körnchen Wahrheit, das in jeder Sage steckt, aufzuspüren und die oft fantastischen Geschichten dadurch aus psychologischer, historischer wie auch naturkundlicher Sicht erklärbar zu machen.

Im Thüringer Wald ging es spukhaft und furchterregend zu. Da raubten beispielsweise einst hässliche Wassergestalten den Menschenmüttern ihre schönen Kindlein und ließen stattdessen die eigene Wechselbalg-Brut zurück. Christian Ludwig Wucke, der blinde Salzunger Sagensammler, nannte diese Wesen Kretins. Dies brachte Rainer Hohberg auf den Kretinismus, umgangssprachlich als Kropf oder Wasserkopf bekannt, eine Krankheit von Geburt an, die durch Jodmangel entstehen kann. 1865, fand der Sagendetektiv heraus, zählte man in der Region Brotterode/Schmalkalden 181 sogenannte Kretins. Die Wassermenschen-Sage ist also die traurige Geschichte einer damals unerklärlichen Krankheit - und die ihrer unschuldigen Opfer. Die Angst, dass das eigene Kind vertauscht werden könnte, ist eine Urangst und auch heute noch präsent, erklärte Hohberg. Auch wenn in den modernen Mythen Aliens die Rolle der Wassermenschen eingenommen haben.

Natürlich durfte eine Analyse der Sagen, die sich um den geheimnisvollen Buchensee bei Wildprechtroda ranken, nicht fehlen. Auch wenn, wie Hohberg bei seinen Recherchen feststellen musste, die Jugendlichen des Ortsteils heute nur noch wenig mit dem versunkenen Schloss am Seesgrund, das voller Schätze sein soll und von einem bösen Gespenst bewacht wird, am Hut haben, sondern ihm vielmehr vom versunkenen Panzer im Buchensee berichteten.

Wildprechtroda, so die Theorie des Sagenkenners, könnte vor Jahrhunderten unter zwei Herren aufgeteilt gewesen sein: derer von Butler und derer von Marschalk, die ihren Sitz auf dem Rudolphshof hatten. Dieser könnte durchaus von den Einwohnern als Schloss bezeichnet worden sein. Von ihm gibt es heute keine Spur mehr. Der Buchensee wiederum ist auffällig kreisrund und liegt in einem Kessel mit steil abfallenden Hängen. Dies weist, so Hohberg, auf einen Erdfall hin. Typisch für Sagen, die meist mündlich überliefert wurden und reale Ereignisse mit fantastischen Übersteigerungen mischten, ist es, Geschehnisse zu verknüpfen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben - wie es in Wildprechtroda durchaus der Fall sein könnte. Doch geben Sagen, wie Hohberg lächelnd feststellte, niemals ganz ihr Geheimnis preis. Außer vielleicht bei den landauf landab verbreiteten Geschichten über den Hockauf, auch als Trollbär, Alp oder Pummpälz bekannt. Hinter den Beschwerden eines solchen Aufspringe-Dämons - Atemnot, Herzbeklemmung und Schmerzen in der Brust - könnte die Herzkrankheit Angina pectoris stecken.

Eine Werwölfin gab es in Stadtlengsfeld nicht. In einer uralten Akte aus dem 15. Jahrhundert fand Hohberg den Fall der armen Frau Cyria Mäurer aus Lengsfeld, die den Inquisitoren unter Folterqualen gestand, vom Teufel eine Salbe erhalten zu haben, mit deren Hilfe sie sich in einen Werwolf verwandeln konnte. Sie wurde zum Tode verurteilt und verbrannt. In der Sage aber lebt sie als Werwölfin weiter.

Viel zu schnell war die Lesung, anschaulich umrahmt von zahlreichen Illustrationen, zu Ende. Die Zuhörer gingen lieber meist zu zweit nach Hause - so, wie es ihnen Rainer Hohberg zu Beginn seines Vortrags über schreckliche Dämonen, rachsüchtige Teufel und seltsame Wesen augenzwinkernd geraten hatte. ann

29.10.2013 inSüdthüringen.de