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03.12.2005

Schiller mit rhythmischem Sprechgesang entdecken

von mko Ostthüringer Zeitung

Ungewöhnlicher Abend mit Doppel-U feat. Steven Style sowie Heiz Stade auf Burg Ranis

Pößneck (OTZ/mko). Während ein junger Mann aus Pößneck seinen ersten Kontakt mit Friedrich Schiller hatte, hörte ein älteres Ehepaar aus Ranis erstmals Rap. Die Literaturakademie Burg Ranis im Lese-Zeichen e. V. machte es möglich. In der Dezemberlesung auf der Burg gastierten nämlich die Jenaer Hiphopper Christian Weirich alias Doppel-U und Steven Sachse alias Steven Style mit einer ungewöhnlichen Interpretation Schillerscher Lyrik sowie der Erfurter Schriftsteller Heinz Stade mit seinem Buch "Unterwegs zu Schiller" (Aufbau Verlag Berlin, 2004). "Eine tolle Kombination" bedankte sich ein Besucher des Abends beim Gastgeber, Dr. Martin Straub, Geschäftsführer des Lese-Zeichen e. V., der den Spagat, Schiller zu rappen, im vergangenen Jahr angeregt hatte.

Doppel-U setzte Straubs Idee derart gut um, dass er sich vor Auftritten mit seinem Schillerprojekt gar nicht mehr retten kann. Den deutschen Klassiker bringt er nicht mehr nur in Deutschland auf seine Weise einem begeisterten Publikum nahe. Seinen unaufdringlichen Schiller-Rap wird er demnächst vielleicht sogar in den USA vortragen, wo der rhythmische Sprechgesang für eine eher raue Unterhaltung steht. Zuvor will man ihn am Montag auch in der Thüringer Staatskanzlei hören.

"Schiller ist echt alles andere als langweilig", sagt der 23-jährige Weirich. Mit dem 21-jährigen Sachse wies er live nach, dass die Verse des großen deutschen Klassikers nicht nur nur rhythmisch modern, sondern auch inhaltlich aktuell sind. Schiller sei der erste deutsche Rapper gewesen, ist Doppel-U überzeugt. Zur Qualität der Interpretationen - zu hören waren Vertonungen u. a. von "Der Pilgrim", "Sehnsucht", "Punschlied", "Das Geheimnis" - sollte der Hinweis genügen, dass grauhaarige Damen im Publikum zur freilich gestenreichen Performance der beiden Hiphopper bestens gelaunt mitwippten. Und nach dem Lesekonzert ließen Mütter die Schiller-CD von Doppel-U - das Album "Zeitgeist" ist im Klangbildverlag Jena erschienen - für ihre zu Hause gebliebenen Töchter signieren.

Heinz Stade führte den Leser mit einleitenden Anekdoten und Auszügen aus seinem bereits in dritter Auflage erschienenen Buch an bekannte und unbekannte Schillerstätten. Unter die zuletzt genannte Kategorie fallen Schillers Spuren in Mannheim. Während man in Thüringen eher schlecht als recht in der Lage sei, die Pflege lebendiger Schillertraditionen zu finanzieren, habe Mannheim zum - reichlich Fremdenverkehr versprechenden - Schillerjahr "aus dem Nichts ein Schillerhaus gestampft", stellte der 60-jährige Autor dar. Die Mannheimer sind offensichtlich genau so geschäftstüchtig, wie es einst Schiller war. Schiller sei es nämlich gewesen, der in deutschen Landen den Schriftstellerberuf als Brotberuf durchgesetzt habe.