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14.05.2005

Schiller im Räderwerk der Polizei

von Ulrike Michael Ostthüringer Zeitung

Theaterhaus Jena inszeniert im Rahmen des Festivals "Räuber+Gendarmen" das Dramenfragment "Die Polizey"

Viel hat Dichterfürst Schiller den Theatermachern da nicht hinterlassen. Hätte er seine Materialsammlung "Die Polizey", an der er von 1799 bis 1804 arbeitete, fertig gestellt, wäre mit diesem opulenten Kriminalstück sogar eine neue Gattung geschaffen worden. Doch kam es nicht soweit. Schiller, der nie Pariser Boden betreten hatte, aber von diesem "großen drängenden Menschenozean" und seinem Polizeiapparat überaus fasziniert war, brachte nur sechs Seiten Text zu Papier. Diese Figurenskizzen, Szenenentwürfe und Notizen als Dramenfragment zu bezeichnen, wäre schon übertrieben, gibt es doch keine einzige fertige Szene und nur einen Dialog - bestehend aus zwei Sätzen.

Damit bietet die Schillersche Idee in ihrer Knappheit eine geradezu ideale Spielwiese der Interpretationen, auf der sich am Donnerstag das Ensemble des Theaterhauses Jena unter der Leitung des Dresdener Regie-Duos Harriet und Peter Meining alias "Norton Commander Productions", nach allen Regeln der Theaterkunst austobte. Nach den Jenensern bringen im Rahmen des Schillerfestivals "Räuber+Gendarmen" auch das Theater Meiningen und das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich das Stück "Die Polizey" auf die Bühne. Alle drei Häuser bieten dem Publikum eine andere Herangehensweise an einen unfertigen Schiller, der in dieser Form noch nie aufgeführt wurde.

In Jena inszeniert das Regieduo ein kriminalistisches Erlebnis der besonderen Art, das gleichwohl spannend ist, vom Zuschauer aber einige Aufmerksamkeit verlangt. Originale Schiller-Texte, im Hintergrund gesprochen vom Sänger der Band "Einstürzende Neubauten", Blixa Bargeld, werden durch Alltagssequenzen, wie etwa einem doppelten Kindermord oder dem Bush-Staatsbesuch in Mainz, ins Heute geholt.

"Norton Commander Productions" bedienen sich in der Umsetzung dessen, wofür sie bekannt sind: dem Experimentieren mit Medien auf der Bühne. Mittels Videoinstallationen werden virtuelle Räume und Personen geschaffen und mit authentischen vermischt. So entsteht ein Lehrstück über die Machtmaschinerie "Polizey", das alle Facetten zwischen Schutzmechanismen, Machtbesessenheit und Willkür darstellen soll. Doch kommen die Schillerschen Ideale leider zu kurz - obwohl sein Bild eines perfekt gebauten Polizeiapparates mit den tausend dunklen Informationskanälen interessanter erscheint, als die lang gezogene Mord-Aufklärung, in die sich das Ensemble vertieft. Trotz spitzfindiger und intelligenter Dialoge liefen derartige Verhör-Szenen schon zu oft im Fernsehen, als dass sie noch überraschen könnten. Auch bleibt unklar, ob die zeitweiligen Stolpersteinchen in der Inszenierung von den Schauspielern (Haymon Maria Buttinger, Bernhard Dechant, Daniel Fries, Mario Mentrup, Andrea Schmid und Saskia Taeger) bewusst als Stilmittel eingesetzt sind und an das Fragmentarische der Vorlage erinnern sollen. Für diese Idee allerdings erscheinen wiederum die Video-Installationen zu perfekt, die letztlich den Pfiff des Stückes ausmachen.

Weitere Vorstellungen: Am 14., 17., 18. Mai, jeweils 20 Uhr, im Theaterhaus Jena.