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09.05.2005

Schiller hat den Beat!

von Frank Quilitzsch TLZ

Jena. (tlz) Er ist knapp über zwanzig und viel gefragt: Der Jenaer Rapper Christian Weirich, genannt "Doppel-U", hat Gedichte von Friedrich Schiller vertont. Am 21. Mai erscheint seine CD "Zeitgeist", ein Gemeinschaftsprojekt von Lese-Zeichen e. V. und dem Jenaer Klangbild Verlag. HipHop und Klassik, wie geht das zusammen? Und was kann alte Dichtung heute noch bewegen? Wir sprachen mit "Doppel-U" über Schillers Wirkung auf junge Leute.

Herr Weirich, Schiller ist seit 200 Jahren tot ...

Finde ich nicht.

Was lebt weiter?

Sein Drang nach Freiheit, die Erklärung, warum man sich im Gesang zu Hause fühlt, das Wissen um die Vergänglichkeit des Körpers und die Bedrohung durch Nationen, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen.

Sie vertonen seine Gedichte.

Richtig.

Ich kannte bisher kaum einen jungen Menschen, der klassische Lyrik liebt und sich auch noch öffentlich dazu bekennt ...

Dank meiner Vertonung bin ich auf Leute gestoßen, die genauso ein offenes Ohr dafür haben und genauso mit Herz an die Sache heran gehen wie ich. Es gibt sogar Jugendliche, die Schiller lieben. Ich habe ein Mädchen kennen gelernt und habe ihr erzählt, was ich mache, und auf einmal sagt sie: Hey, ich bin Schiller-Fan! Ich liebe "Don Carlos"!

Wirklich?

Im Ernst. Sie hat das Werk viermal gelesen. Und sie ist zwei Jahre jünger als ich.

Werden Sie aber nicht auch manchmal belächelt, wenn Sie Schiller rappen?

Das kommt vor.

Wie reagieren Sie darauf?

Ich lächle zurück.

Mal ehrlich: Es ist doch ein Graus, wenn man in der Schule ellenlange Balladen auswendig lernen muss!

Okay, man geht da nicht gerade mit freudigen Emotionen heran. Obwohl doch eigentlich das Gedicht zwischen Mathe und Physik der erfreulichste Teil sein sollte. Und am einfachsten zu lernen.

Fällt Ihnen das denn so leicht?

Das hat damit zu tun, dass ich mich schon immer für Musik interessiert habe, dass ich seit sechs Jahren selber schreibe und meinen eigenen HipHop mache.

Sie spielen auf die Musikalität der Verse an. Welches Schulgedicht spukt Ihnen noch im Kopf herum?

"In die Ecke, Besen, Besen, seid´s gewesen ...!"

Das war Goethe. Auch eins von Schiller?

"Die Bürgschaft".

Haben Sie diese in Ihrem Repertoire?

Nein. Keine Balladen.

Warum nicht?

Erstens kennt sie jeder. Zweitens sind Balladen zu lang, und es gibt zu viele Rhythmuswechsel darin. Die Gedichte, die ich gefunden habe, haben mehr Intensität und vor allem viel mehr Flow.

Mehr Flow?

Fluss - die Art und Weise, wie man redet. Zum Beispiel: "Auch das Messer, scharf geschliffen, / Das vom Feindeskopf / Rasch mit drei geschickten Griffen / Schälte Haut und Schopf ..."

Das war jetzt ...?

... "Radowessiers Todtenklage". Sehr rhythmisch - zack, zack, zack, zack!

Wonach wählen Sie die Texte aus?

Wonach habe ich ausgewählt. Ich wähle nicht mehr ...

Sind Sie fertig mit Schiller?

Nein. Aber ich konzentriere mich erst einmal auf die CD. Danach werde ich wahrscheinlich weiter forschen. Ich habe jetzt auch ein Lied geschrieben, da fließt eigene Lyrik mit ein: "Freiheit - Eine Ode an Schiller".

An Schiller adressiert?

So ist es. Aber wie wähle ich aus ...? Der Rhythmus muss stimmen und Endreime müssen vorhanden sein - das ist die Basis. Wichtig ist natürlich auch, was die Gedichte aussagen. "Sehnsucht" beispielsweise ist der Ruf nach Freiheit: Ich will weg von hier, ich will raus! "Der Pilgrim", mein absolutes Lieblingsgedicht, erzählt, wie jemand alles hinter sich lässt. Der Pilgrim zieht sich seine Wanderschuhe an und geht in die Welt hinaus. Er kennt das Ziel aber nicht. Ist ihm auch egal. Er erzählt, wie er Berge aus dem Weg räumt, Brücken über die Flüsse baut ...

Das Pathos stört Sie nicht?

Nein. Ich finde es klasse, wie er beschreibt, was sich ihm alles in den Weg stellt zu einem Ziel, das er nicht einmal kennt. Der Weg ist das Ziel.

Das trifft Ihr Lebensgefühl?

Genau.

Vielleicht auch das Ihrer Generation?

Ich hoffe. Ich denke, dass jeder das in sich trägt, seinen eigenen Weg gehen zu wollen.

Sie kommen viel herum. Wie reagieren die Leute auf Ihr Schiller-Programm?

Eigentlich positiv. In Sachen HipHop sind natürlich viele skeptisch.

Treten Sie auch vor reinem HipHop-Publikum auf?

Nein. Aber in Schulen. Ich finde, das ist eine wunderbare Einleitung zu Schiller: Hier, hört euch mal den Rap an!

Gefällt das den Deutschlehrern?

Ja. Aber vor allem den Schülern. Ich war letztens im Zeiss-Gymnasium und habe meine Vertonungen vorgetragen - das war unglaublich: Die Augen gingen auf, die Ohren wurden riesengroß, und die Schüler sind anschließend dageblieben und haben angefangen, Fragen zu stellen. Ist das echt Schiller? Ja, ich kann´s manchmal selber nicht glauben ... Schiller liegt zwischen 90 und 100 bpm!

Wie bitte?

Between 90 and 100 beats per minute. Das ist HipHop!

! Heute, 18 Uhr, Theaterplatz Weimar; 21. Mai, 13 Uhr, Goethe-Galerie Jena