Presse - Details

 
04.06.2005

Schiller-Comic: Ein Traum der Freiheit

von Wolfgang Hirsch TLZ

Eine Schneewüste. Stimmen: "Schiller, du musst aufstehen!" In weiß-grauem Zwielicht versunkene Bilder, wie in einem eisigen Traum, von heißkaltem Fieber gezeugt. Dann das fahle Antlitz des Dichters: "Ich kann nicht." Seine scharf geschnittenen Gesichtszüge spiegeln Erschöpfung, matt schimmern die grünen Augen, sogar die spitzige Nase wirkt schlaff. Schiller ist am Ende, in Bauerbach. Hier, im abgelegensten Winkel Thüringens, erreicht er er das Ziel seiner Flucht. Kälteschlieren wabern, Gedankenfetzen ziehen vorüber.

Derart dramatisch beginnt der großformatige "Schiller!"-Comic des Zeichenkünstlers Horus. In Bildern von strenger Schönheit hat dieser Spezialist für schwierige Themen die Jugend des Stürmers und Drängers nachvollzogen. Die Experten des Deutschen Literaturarchivs Marbach standen mit Rat zur Seite, die Kulturstiftung des Bundes mit finanzieller Unterstützung.

Schillers Weg zum freien Schriftsteller setzt am winterlichen Wendepunkt seines ungestümen Lebens ein, 1782 in Bauerbach, und wird in sich überlagernden Rückblenden erzählt. Dieser keineswegs gattungsunübliche Kunstgriff ist der historischen Distanz geschuldet, aber dennoch rückt der "Fritz" dem Leser so vertraulich nahe, wie irgend nur möglich. "Du", spricht der Erzähler ihn an, er gibt Stichwörter und Kommentare zu dessen adoleszenten Reflexionen, begleitet ihn mild und weise durch den von Zweifeln und tiefer Zerrissenheit zerfurchten Prozess der Selbstfindung.

Da sieht man den Dichter, wie er begleitet vom Freund Andreas Streicher aus dem Militärdienst zu Stuttgart desertiert. Wie ihn Herzog Carl Eugen einbestellt und maßregelt. Wie er Eskapaden treibt und heimlich gen Mannheim zur Uraufführung der "Räuber" fährt, völlig verblüffter Miene über den Rand der Theaterloge gebeugt, weil das Saalpublikum, schier ergriffen, zum Schluss in jubelnde Ovationen ausbricht. Welch ein Sturm des Erfolgs!

Chronologisch gereiht sind diese Szenen gar nicht. Sondern sie bebildern einen inneren Monolog, in dem Schiller dialektisch zur Entscheidung reift: "Das große Wagen. Das Große wagen!" Bauerbach bedeutet die Ablösung von aller konventionellen Sicherheit, das alleinige Vertrauen aufs eigene Können. Und fast immer, wenn ihn Skrupel anfassen, die Heimat, den Dienst und die Eltern für immer im Stich zu lassen, taucht gespenstisch Schubart auf, jener widerborstige Dichter, den Carl Eugen auf Hohenasperg zur Festungshaft kujoniert hat.

All dies ist reiz- und niveauvoll und ziemlich authentisch berichtet. Die Comic-strips verzichten auf jegliche karikatureske Überzeichnung, liefern als stilisierte Bildergeschichte mit bildungsbürgerlichem Impetus ein plausibles Geschichtsbildnis. Das macht auch die Textlastigkeit ein wenig verzeihlich, die Sprache ist behutsam an heutige Umgangsformen angenähert.

Ob Jugendliche, wie von den Autoren intendiert, diesen veritablen Zugang zur Biografie Friedrich Schillers mögen, bleibt auszuprobieren - warum nicht begleitend zum Schulunterricht? Andernfalls, soviel ist sicher, wird auch jeder Erwachsene seine helle Freude daran haben. Und sich anhand der Betrachtung der Schillerschen Jugend an die Stürme der eigenen erinnern.

i Horus: Schiller! Eine Comic Novelle. ehapa comic collection 2005, 56 S., 12 Euro.