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29.01.2015

Schicksal von Sinto-Jungen Hugo wühlt Schüler der Inte­grierten Gesamtschule Gera auf

von Ostthüringer Zeitung Elke Lier

Anja Tuckermann nach ihrer Lesung im Gespräch mit Josie Hofmann, Katharina Seidler und Paula Kerndt (von links). Foto: Elke Lier

Die Lesung mit Autorin Anja Tuckermann war eine berührende Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung.

Gera-Lusan. "Jedem Kind gab sie nur ein Tröpfchen fetter Kondensmilch der britischen Soldaten auf die Zungenspitze und sagte: Denk nicht, wir bleiben hier. Damit rettete die Mutter den bis auf die Knochen Ausgemergelten das Leben." Für viele KZ-Häftlinge bedeutete normales Essen nach jahrelangem Hungern den Tod.

So erklärte am Mittwoch die Berliner Autorin Anja Tuckermann am Schluss ihrer Lesung Schülern der 12. Klasse den Titel ihres Buches "Denk nicht, wir bleiben hier." Im April 1945 wird die Sinti-Familie Höllenreiner im Konzentrationslager Bergen-Belsen von britischen Truppen befreit. Zuvor wurden sie aus Auschwitz, wohin sie 1943 aus Bayern deportiert worden waren, auf Todesmärsche nach Mauthausen, Ravensbrück und schließlich Bergen-Belsen geschickt.

Es war ganz still in der Klasse, als Anja Tuckermann, das Buch mit den vielen Lesezeichen darin schloss. "Das war ganz schön hart, eine grausige Geschichte", sagte Kevin. " Ich habe mit Hugo mitgefühlt und war schockiert, was er als kleiner neunjähriger Junge erlebt hat. Das ist Geschichte, die einem nahe geht, schockiert, ein ganz anderer Geschichtsunterricht", findet Josie Hofmann.

Geschichtslehrerin erschüttert in Auschwitz

Mit Unterstützung der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung hatte Geschichtslehrerin Elke Kubusch diese Lesung für ihre Schüler an die Integrierte Gesamtschule in Lusan geholt. Nur wenige Tage, bevor sie bereits zum sechsten Mal mit ihrer 12. Klasse nach Auschwitz in die KZ-Gedenkstätte fährt, war das eine aufrüttelnde Einstimmung auf diese Reise in die Vergangenheit. "Auschwitz darf man nie vergessen."

Anja Tuckermann sagte den Schülern: "Es gibt keine Vergangenheit, unter die man einfach so den Schlussstrich zieht. Ich kann Opfer nicht verstehen, die solche Unmenschlichkeit vergeben."

Aus der Gedenkstätte BergenBelsen war sie angerufen worden, die Geschichte des Sinto Hugo Höllenreiner aufzuschreiben, da es so gut wie keine Dokumentationen über die Erlebnisse von Sinti und Roma in den Konzentrationslagern gibt. Hugo Höllenreiner hat das Familienlager der Sinti und Roma in Auschwitz und drei anderen KZ überlebt. 37 Familienangehörige seines Vaters wurden ausgelöscht, zwischen 220 000 bis 500 000 Menschen dieser lange tot geschwiegenen Opfergruppe kamen ums Leben .

Hugo Höllenreiner ist heute 81 Jahre alt. "Als ich mich mit ihm das erste Mal in Ingolstadt traf, meinte er, dass er mir an einem Nachmittag mal alles erzählen wolle. Doch es ging nicht. Er konnte es nicht. Immer wieder setzte er an und je länger er mir erzählte und je deutlicher die Erinnerungen wurden, umso grausamer und schmutziger wurden sie", beschreibt Anja Tuckermann die langjährige Recherche. Sie habe sich gezwungen, beim Zuhören nicht selbst zu weinen, aber beim Niederschreiben wurde sie deutlich. "Sonst weiß es keiner mehr, wie grausam es wirklich war."

Von Blut, Dreck, Scham und Hunger

Sie beschreibt, wie Hugo Toten die starren Hände öffnete, in denen die sich ein letztes Brotkrümchen bewahrt hatten, um es selbst zu essen, um zu überleben. Sie erzählte von der tiefen Scham seiner Mutter, sich vor den Kindern nackt auszuziehen, wie von den gnadenlosen Bewachern befohlen. Und sie beschreibt, wie einem sterbenden Freund von Hugo das Blut aus Augen und Mund schoss. Drei Schüsse der Wachposten hatten ihn getötet, weil er einem Lumpenball nachgelaufen war, mit dem die Jungen im Lager gespielt hatten.

Am 2. Februar fahren die Abiturienten nach Polen, nach Auschwitz. Sie werden ein online-Tagebuch schreiben und laden Anja Tuckermann zum Lesen ihrer Eindrücke ein.

Die Schriftstellerin mit einem immensen Schaffenspensum an Büchern, Hörspielen und Theaterstücken war 2000/2001 Stadtschreiberin von Ranis im Saale-Orla-Kreis. Den Schülern sagt sie: "Es ist gut, dass ihr jetzt im Winter nach Auschwitz fahrt. Vielleicht könnt ihr euch dann besser vorstellen, wie es ist, mit bloßen Füßen im Schnee stundenlang auf dem Appellplatz zu stehen."