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25.08.2008

Scheiterhaufen, Bier und Brahms

von Dietmar Ebert Ostthüringer Zeitung

Scheiterhaufen, Bier und Brahms
Auftakt mit Hitler-Gruß: "Werkfeier" im Zeiss-Hauptwerk am Morgen des 26. August 1933. (Foto: Smmlg. Döbert)
Auftakt mit Hitler-Gruß: "Werkfeier" im Zeiss-Hauptwerk am Morgen des 26. August 1933. (Foto: Smmlg. Döbert)
Vor 75 Jahren: Wie die Nazis am 26. August 1933 den Marxismus "feuerbestatteten"

Von Dr. Dietmar Ebert In Jena brannten die Bücher nicht am 10. Mai 1933, sondern am 26. August desselben Jahres. Am 26. August jährte sich zum ersten Mal der Tag, an dem die NS-Regierung 1932 in Thüringen zur Macht gekommen war. Der 75. Jahrestag gibt Veranlassung, an die Ereignisse des Tages in Jena zu erinnern, der, wie es in der Jenaischen Zeitung vom 28. August 1933 zu lesen war, in "schlicht-würdiger Form begangen wurde.

Die Initiativen zur "Feier des Jahrestages gingen von der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) und der SA hervor. Vor allem die NSBO und ganz besonders Erich Keilig, der Vorsitzende des neu zusammengesetzten Arbeiterrates in der NS-Betriebsvertretung von Carl Zeiss, wollten durch den Einsatz kultureller Symbolformen zeigen, dass sie fähig waren, ihre Führungsansprüche in den Betrieben zu realisieren. Zugleich versuchte die NSBO ihre Positionen in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und gegen die Geschäftsleitung von Zeiss, vor allem gegen August Kotthaus zu stärken.

Um 6 Uhr morgens wurde die Jenaer Bevölkerung durch mehrere Kapellen und Spielmannszüge geweckt, besonders erwähnt werden der SA-Spielmannszug, die Standartenkapelle und ein "Nachrichtensturm 5/235. Die NSBO-Mitglieder von Zeiss und die als Ernst-Abbe-Schar schon gleichgeschaltete Werkjugend trafen sich vor der NSDAP-Geschäftstelle (Teichgraben 4) und marschierten geschlossen in den Innenhof von Zeiss, in dem 6.50 Uhr bereits die gesamte Belegschaft angetreten war.

Erich Keilig und August Kotthaus sprachen zur Belegschaft. "Betriebszellenobmann Keilig gedachte zunächst der Toten des Weltkrieges und unserer Bewegung und ergriff dann das Wort zu einer Ansprache, in der er nicht nur die Taten der Thüringer Regierung darstellte, sondern auch darüber hinaus der Zerschlagung der marxistischen Front gedachte und den noch abseits stehenden Volksgenossen innerhalb der Belegschaft die Taten ihrer sogenannten Arbeiterführer vor Augen hielt. (Thüringische Staatszeitung, 27. 08.1933) Er schloss mit einem dreifachen "Sieg Heil auf Hitler und die Thüringer Regierung. August Kotthaus ging auf den wirtschaftlichen Aufschwung im letzten Jahr ein und verkündete, dass durch einen Beschluss des Unternehmensvorstandes ab sofort der Hitler-Gruß als der offizielle Gruß des Betriebes gelte. Der Festakt der Thüringer Landesregierung wurde per Lautsprecher in den Werkhof übertragen. Die Jenaische Zeitung berichtet von einer Feststimmung, die den ganzen Tag über angehalten und sich gegen Abend gesteigert habe.

"Um 5.30 Uhr marschierte dann die NSBO und die Hitler-Jugend auf dem Marktplatz auf. Die Fahnen nahmen vor dem Bismarck-Brunnen Aufstellung. Ein großer Scheiterhaufen von marxistischen Fahnen und Büchern war aufgerichtet worden, und bald loderte eine große Flamme empor und vernichtete die Symbole und geistigen Erzeugnisse einstiger Marxistenherrschaft. Schweigend und ergriffen von der symbolhaften Handlung sah die Menge diesem Schauspiel zu. Als der Haufen immer mehr zu Asche zerfiel, reckten sich spontan die Arme empor - und über dem Marktplatz erklang das Deutschlandlied. Dann rückten die Formationen wieder ab. (Jenaische Zeitung vom 28.8. 1933) Die Frage, woher die Bücher, die verbrannt worden sind, kamen, kann heute nicht genau beantwortet werden. Recherchen im Stadt- und Universitätsarchiv deuten darauf hin, dass sowohl in der Universitätsbibliothek als auch durch Dr. Witsch in der Ernst-Abbe-Bibliothek die ausgesonderten Bücher weggeschlossen wurden. Ihnen war jahrelange Gefangenschaft im "Giftschrank , aber nicht der Feuertod bestimmt. Meine Hypothese ist: Die NSBO, die NSDAP und die SA müssen bei der gewaltsamen Besetzung des Gewerkschaftshauses "Zum Löwen am 2. Mai 1933 und der SPD-Geschäftsstelle am Teichgraben 4 am 22. Juni 1933 sozialdemokratisches und gewerkschaftliches Schrift- und Traditionsgut erbeutet haben. Es liegt nahe, dass ein Teil dieses und weiteren Schriftgutes und der Fahnen am 26. August 1933 verbrannt worden sind, es gibt jedoch bis jetzt kein erschlossenes Archivmaterial, das die Hypothese bestätigen oder widerlegen könnte.

Bruchlos der Übergang zum "gemütlichen Teil . Auf dem Marktplatz, dort wo gerade noch die Bücher brannten, spielte die Stahlhelmkapelle lustige und besinnliche Weisen. Alle Lokale in der Innenstadt waren stark besetzt. Am Abend hatte die NSBO in den großen Saal des "Löwen eingeladen. Das den Gewerkschaften gestohlene Haus wurde nun mit großer Geste symbolisch in Besitz genommen.

Der Vorsitzende des nationalsozialistischen Arbeiterrates bei Zeiss, Erich Keilig, hielt die Festrede. Die "Werkskameraden Ziege, Förster und Helbert spielten die F-Dur-Sonate von Johannes Brahms, Frau Amtsgerichtsrat Bock sang Lieder und Arien von Schubert und Mozart sowie "Blühe auf, mein deutsches Vaterland . Als Zugabe trug sie Wiener Lieder vor. Herr Barczak stellte die von ihm selbst vertonten Lieder "Heimweh und "Deutsches Volk, besinne dich vor. Hanni König führte "Deutsche Tänze auf.

Feststimmung soll allenthalben auf den Jenaer Straßen und Plätzen geherrscht haben. Bier, Blasmusik und Bratwurst. Dazwischen wurden Bücher verbrannt. Jahre später wird es die gleiche trübe Gemütsverfassung sein, in der "en passant in den besetzten Gebieten Europas die Juden in die Todeslager deportiert und Zivilisten ermordet wurden. Wie das Bücherverbrennen, so gehörte später das Töten zum Alltag des Nationalsozialismus.

Und bis heute das Verdrängen und Beschweigen begangenen Unrechts.