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14.03.2007

Scharfer Blick auf die Umbruchzeit

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Gerade ist sein neuer Geschichtenband mit dem Titel "Handy" erschienen, schon klingelt sein Telefon: Wulf Kirsten teilt im Namen der Jury mit, dass er, Ingo Schulze, einstimmig für den Thüringer Literaturpreis vorgeschlagen wurde. Ob er die Auszeichnung annehme. Ingo Schulze ist überrascht, zögert aber nicht lange, sondern stimmt mit Freuden zu. Damit wird der in Dresden geborene und heute in Berlin lebende Autor, der die aufregendsten Jahre seines Lebens in Jena und Altenburg verbracht und darüber geschrieben hat, nach Sigrid Damm als zweiter die mit 6000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen nehmen.
Die Entscheidung wurde gestern von der Literarischen Gesellschaft Thüringen in Anwesenheit des Sponsors e.on Thüringer Energie AG bekannt gegeben, der das Preisgeld stiftet und auch die feierliche Auszeichnungsveranstaltung am 4. November im Weimarer Musikgymnasium Schloss Belvedere finanziert. Die Laudatio wird der FAZ-Redakteur Thomas Steinfeld halten.

"Wir haben schon auf einen gewissen Überraschungseffekt gesetzt", erklärte Kirsten im TLZ-Gespräch. "Die Jury-Entscheidung wurde einstimmig gefasst, Ingo Schulze ist ein deutschlandweit anerkannter Autor von großer Gegenwärtigkeit." Jury-Mitglied Martin Straub vom Jenaer Lese-Zeichen e. V. hob Schulzes "waches Zeitverständnis" hervor, seinen "genauen und scharfen Blick auf die Konflikte des Umbruchs", von denen seine Bücher "Simple Storys" (1998) und "Neue Leben" (2005) handeln. "Das ist aktuelle Prosa mit deutlichem Thüringenbezug", so Straub. Auch der Dritte im Jury-Bunde, der Hallenser Lektor Ulrich Steinmetzger, betonte, dass man mit dem Thüringer Literaturpreis 2007 einen virtuosen Erzähler würdige, der sich einmische und dessen Bücher kontrovers diskutiert werden.

Die erstmals 2005 von der Literarischen Gesellschaft verliehene Auszeichnung wird alle zwei Jahre vergeben und soll gezielt zeitgenössische Autoren würdigen, die aus Thüringen stammen, in Thüringen leben oder deren Werke einen Thüringenbezug aufweisen. Natürlich seien mehrere Namen im Gespräch gewesen; man habe von ursprünglich neun Kandidaten drei in die engere Wahl gezogen, am Ende konnte man sich rasch auf den Preisträger einigen, erläuterte Wulf Kirsten das Prozedere.

Mit dem 44-jährigen Ingo Schulze wird ein Autor der mittleren Generation geehrt, der in Jena Klassische Philologie studiert und von 1988 bis 1990 am Landestheater Altenburg als Schauspieldramaturg gearbeitet hat. Später gründete er dort das "Altenburger Wochenblatt". Beide Städte gehören zu den zentralen Schauplätzen seiner Erzählungen und Romane, die in 24 Sprachen übersetzt wurden. Nach Sigrid Damm, die 2005 den Preis für ihre literarischen Goethe- und Schiller-Recherchen erhielt, und Ingo Schulze ist für 2009 unter anderen der lange in Greiz ansässig gewesene und aus der DDR vertriebene Schriftsteller Reiner Kunze im Gespräch, der im kommenden Jahr seinen 75. Geburtstag begeht.