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14.09.2010

Saalfelder Höhen und Abgründe

von Frank Quilitzsch TLZ

Gruppenbild mit Fahrrad: Thüringer Schriftsteller bei Saalfeld auf Wanderschaft Foto: Frank Quilitzsch

 

Siebzehn Thüringer "Hippie"-Autoren wanderten am Wochenende mit ihren ungeborenen Büchern, lasen in der Saalfelder Stadt- und Kreisbibliothek und diskutierten ihre Manuskripte.

Saalfeld. Siebzehn Thüringer Autoren, verbreitete das ostthüringische Lokalradio, würden im Rahmen ihrer Manuskript-Wanderung in der Stadt- und Kreisbibliothek Saalfeld lesen. Der zuständige Redakteur hatte wahrscheinlich an die "17 Hippies" gedacht, die schon mal beim Folkfest in Rudolstadt aufgetreten sind - eine munter in der Tradition des Spielmannszuges fiedelnde Truppe, die durch Andreas Dresens Film "Halbe Treppe" berühmt geworden ist. Klar, dass der Andrang am Abend entsprechend groß war; das Bibliothekspersonal bereitete sich mit reichlich Wasser und Wein auf einen Lesemarathon mit offenem Ausgang vor.


Doch es kam anders: Keine langen Haare, keine Joints, kein Sit-In. Die lesenden Hippies - nur zu viert - waren schon betagter, dafür geistig "gut abgehangen", wie die Vorsitzende des Landesverbands deutscher Schriftsteller, Anne Gallinat, hervorhob, was dem Vergnügen keinen Abbruch tat. Von einem pikanten Surfunfall im Indianerreservat und von mörderischen Saalfelder Köstlichkeiten war die Rede, von vermissten Liebesdingen und der Fabel, die sich erfolgreich vorm Literaturgericht verteidigt. Anschließend wurden bei einem trockenen Rotwein allerhand Bücher signiert.


Gewandert wurde anderntags auch, in 17er Formation, zünftig mit dem neuesten Manuskript im Rucksack. "Manuskript-Wanderungen" gibt es nur in Thüringen, daher eine kurze Bemerkung dazu: Die hier im Schriftstellerverband organisierten Autoren haben aus der Tugend, sich von Zeit zu Zeit mal vom Schreibtisch wegzubewegen, eine Tradition gemacht. Jedes Jahr im launigen September sammeln sie sich, um zu Fuß ein Stück Heimat zu erkunden. So wanderten sie schon mit bayerischen und niedersächsischen Kollegen durchs Eichsfeld entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, erklommen die bewaldeten Gipfel des Rennsteigs und die abschüssigen Halden des Schiefergebirges und folgten den Spuren des romantischen Dichters Novalis.

 


In Saalfeld hätte man dem Grottengeist Erwin Strittmatters begegnen können, der in seiner Erzählung "Grüner Juni" der Stadt ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Hurtig ging es über den Steiger, den Kien- und den Grenzberg durchs historische Bergbaugebiet bis zu den Feengrotten, wo früher Alaunschiefer abgebaut wurde und heutzutage pummelige Elfen Goldstaub versprühen. Vor der Grotte blieben die Manuskripte noch im Sack, wurden nur die Picknickkörbe geleert.


Natürlich drängen auf Manuskriptblättern gezeugte, ungeborene Bücher danach, sich anderen mitzuteilen, wozu am zweiten Abend Gelegenheit war. Der Ablauf solcher unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Orgien kollektiver Selbstkritik ist immer der gleiche: Erst liest man gutgelaunt sich gegenseitig aus den Manuskripten vor, dann schlägt man sie einander um die Ohren.


Dichter-Gruppenbild mit Fahrrad: Fünfzehn der siebzehn im Thüringer Landesverband deutscher Schriftsteller organisierten Autoren, die sich am Wochenende in Saalfeld versammelten, in der Bibliothek lasen und Manuskripte diskutierten, auf kollektiver Wanderschaft.