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30.09.2006

Rudolstädter Schnupperexemplare zur Buchmesse

von Peter-Alexander Fiedler TLZ

"Für mich wird eine Sache interessant, wenn sie durch langes Anschauen fremd wird", sagt der Dresdner Maler und Zeichner Max Uhlig. Für seine Linienbündel ist er bekannt. Überlagerungen, Kreuzungen und Schichtungen entstehen so, die durch wechselnde Strichstärken eine große Tiefenschärfe und Spannung entfalten. Uhlig, der nächstes Jahr 70 wird, balanciert zwischen Abstraktion und realer Wahrnehmung - und begeistert so viele Kunstfreunde. Einer davon ist Jens Henkel, stellvertretender Direktor des Thüringischen Landesmuseums Heidecksburg in Rudolstadt, der im "Nebenberuf" den Ein-Mann-Verlag burgart-presse betreibt. Schon 1997 gab er die bis dahin unveröffentlichten Gedichte "wegrandworte" des in Weimar lebenden Poeten Wulf Kirsten heraus und konnte dazu Max Uhlig gewinnen, mit elf Radierungen bildkünstlerisch auf die Dichtung einzugehen. Da hatte sich Uhlig erstmals der originalgrafischen Buchform zugewandt.
Spätestens seit dieser Zusammenarbeit besteht zwischen Uhlig und Henkel ein Vertrauensverhältnis, und so willigte der Dresdner Künstler rasch ein, als der Verleger mit dem Ansinnen kam, zu Uhligs 70. Geburtstag das Künstlerbuch "Sonnenquartette" herauszugeben. Es wird zwar erst 2007 erscheinen, doch Henkel nimmt einige Schnupperexemplare mit auf die am 4. Oktober beginnende Frankfurter Buchmesse, denn die teuer, weil edel hergestellten Bücher sollen sich verkaufen - und je eher die Interessenten sich von der hohen Qualität überzeugen lassen, desto schneller laufen auch Bestellungen ein.

Uhlig, der in der Provence ein Atelier hat, ließ die Weinstöcke der dortigen Umgebung nahezu lebendig werden - und sandte Probedrucke an Henkel. Der Verleger wandte sich an den in Weimar lebenden Jan Volker Röhnert, der eigens für das Buch 77 Verse schrieb, die "wie Uhligs Weinstöcke ganz in der Gegenwart verwurzelt und zugleich in jener atmosphärischen Transparenz zuhause sind, aus der erst die zeitlosen Momente, die für uns zählen, gekeltert werden", so die Verlagsankündigung.

Seine "Kinder", wie Henkel die Editionen liebevoll nennt, werden im Handsatz gesetzt, bei als exquisit ausgewiesenen Grafikdruckern gedruckt und meist vom Jenaer Ludwig Vater gebunden. "Ich bin immer der Letzte in der Reihe", sagt Vater, der den edlen Handeinband fertigt. Wenn seine Arbeit erledigt ist, kann Henkel die ersten Exemplare für die Messe einpacken.

Stets gibt es verschiedene Ausgaben. So werden fünf Exemplare in einer Kassette geliefert mit einer der von Uhlig verwendeten Druckplatten und einer zusätzlichen, farbig überzeichneten Radierung (1500 Euro), die Exemplare 6 bis 20 haben einen Pappband und eine zusätzliche, farbig überzeichnete Radierung (1100 Euro), die Exemplare von 21 bis 60 werden als Pappband geliefert und kosten 750 Euro.

Ludwig Vater hat noch ein weiteres Buch in Arbeit, das Henkel mit nach Frankfurt nimmt, obwohl auch "Der Palastgarten" erst 2007 ausgeliefert wird. Es handelt sich um die von Marie-Elisabeth Lüdde besorgte erste deutsche Nachdichtung eines Textes des chinesischen Dichters Huang Tingjian (1045-1105), dessen Schriftzeichen sich in Stein graviert auf einer Stele im Museum von Xi´an erhalten haben. In dem in Weimar lebenden Künstler Walter Sachs fand Jens Henkel einen kongenialen Deuter des Textes, dessen sieben Zeichnungen in Serigraphie gedruckt wurden.

Eine originale Tuschzeichnung von Sachs sowie ein Fragment der originalen Abreibung des Textes vom Stein in Xi´an sind Bestandteile des Buches, von dem 15 Vorzugsexemplare mit einer Steinskulptur von Sachs geliefert werden (850 Euro), die anderen Ausgaben kosten jeweils 350 Euro.

"Ich bin 1990 als gelernter DDR-Bürger nach Frankfurt gefahren und bin am 3. Oktober auf der Messe zum Bundesbürger geworden", sagt Henkel. Seitdem ist er regelmäßig auf den Messen in Frankfurt wie auch in Leipzig präsent. Wenn auch der Großteil seiner Kunden nicht aus den neuen Bundesländern kommt, ist Leipzig für ihn als "Heimspiel", wie er lächelnd sagt, wesentlich, um mit Kollegen und Künstlern ins Gespräch zu kommen. "Frankfurt ist für den internationalen Verkauf wichtig, da gehen Verkäufe nach Neuseeland, Südkorea, in die Schweiz oder nach Österreich und natürlich auch in die alten Bundesländer", betont der Verleger.

Die Auflagen seiner Künstlerbücher - für die Vorzugsausgaben gibt es sogar Fortsetzungskunden - sind gering, in der Regel so um 100 Exemplare, weil ein Holzschnitt oder eine Radierung bei gleich bleibender Qualität nicht viel häufiger gedruckt werden kann.

Seit 1985 hat Henkel jährlich einen Band der Reihe "Reflexionen" für die Karl-Marx-Städter "Galerie Oben" herausgegeben, in der jeweils einem Künstler Gelegenheit geboten wurde, sich als Doppelbegabung in Text und Bild darzustellen. "Ich habe zu DDR-Zeiten sechs, sieben Bücher etwas am Rande der Legalität hergestellt", erinnert sich Henkel. Die Edition "Schwarz angesagt" von Matthias Biskupek mit Holzstichen von Karl-Georg Hirsch, die er für die Pirckheimer-Gesellschaft herausgab, wurde 1989 das letzte "Schönste Buch der DDR" und erhielt auch die Goldmedaille der Internationalen Buchkunstausstellung in Leipzig.

"Etwa 250 Buchtitel und 27 Zeitschriftenreihen erschienen illegal, am Staat vorbei, ohne Druckgenehmigung zu DDR-Zeiten", erzählt Henkel. 1987/88 bereits erhielt er zusammen mit Judy Lybke von der Galerie Eigen+Art vom Direktor des Buchkunstmuseums in der Deutschen Bücherei Leipzig, Lothar Poethe, den Auftrag, eine Bibliographie dieser illegalen Veröffentlichungen zusammen zu stellen. "Das war eine mutige Sache", sagt Henkel, "denn der hatte erkannt, hier geht ein Stück Buchkultur verloren - und die kauften dann im Ergebnis unserer Recherchen auch etliche Exemplare an."

Da hatte Henkel, wie er sagt, "Lunte gerochen", hatte alle diese Dinge in den Händen gehabt, gesehen, was andere konnten - und wollte das nun auch selbst machen. So stellte er einen Antrag zur Verlagsgründung - am 28. Februar 1990 endlich erteilte der Rat des Kreises Rudolstadt für fünf DDR-Mark die Lizenz zur burgart-presse. Damals noch in der Heidecksburg wohnend, hatte Henkel die Burg und die Kunst im Verlagsnamen vereint. Heute wohnt er im kleinen Ort Mörla, doch der Name blieb und hat sich durchgesetzt.

"Ich habe die Idee, kenne eine Menge Autoren und Künstler, weiß, was wer kann, wer für welches Projekt, das ich mir ausgedacht habe, in Frage kommt", sagt Henkel und fügt hinzu: "Dann bestimme ich, wo der Satz und der Grafik-Druck gemacht werden und wo das Buch gebunden wird. Ich bin nur ein Vernetzer."

Das klingt bescheiden für einen, der Wert darauf legt, zu 90 Prozent Erstveröffentlichungen namhafter Autoren - von Walter Jens über Christa Wolf, Friederike Mayröcker bis zu Hans Magnus Enzensberger -, also für ihn geschriebene Texte mit bildender Kunst zu bibliophilen Kostbarkeiten zu vereinen. "Mit manchen Büchern mache ich Gewinn, bei anderen zahle ich drauf. So lange sich das die Waage hält, mache ich weiter", sagt der studierte Museologe und Historiker mit der Leidenschaft fürs schöne Buch.