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18.04.2013

Ror Wolf in Saalfeld: Zu einem grot(t)esken Autor unterwegs

von Sabine Bujack-Biedermann Ostthüringer Zeitung

Bild 1: Stromern und Spielen am Hohen Schwarm gehören zu den frühesten Kindheitserinnerungen von Ror Wolf, von denen ­Matthias Biskupek (Zweiter von links) berichtet.Foto: Sabine Bujack-Biedermann

Der Spaziergang "Ror Wolf - eine Jugend in Saalfeld" bildet den Auftakt einer Veranstaltungsreihe der Literarischen Gesellschaft Thüringen. Matthias Biskupek macht mit seinem Schriftstellerkollegen bekannt.

Saalfeld. Die kleine Gruppe, die lauschend vor dem Geschäftshaus in der Saalstraße 28 steht, fällt am ersten Frühlingstag, an dem alles nach draußen drängt, gar nicht auf. Matthias Biskupek gibt sich Mühe, den Alltagslärm zu übertrumpfen, wenn er über den kleinen Richard erzählt, der hier am 29. Juni 1932 als Schuhmachersohn geboren und später als Ror Wolf bekannt wurde. Der Rudolstädter Autor führt ein halbes Dutzend Interessenten auf einem literarischen ­Spaziergang durch die Jugend von Ror Wolf in Saalfeld.

Damit eröffnet die Literarische Gesellschaft Thüringen (LGT) eine Reihe von Exkursionen, die bis November an Erinnerungsorte führen sollen, die mit Autoren vorwiegend der vergangenen 70, 80 Jahre in Verbindung stehen. Mit Gottfried Benn in Friedrichroda und Schwarzburg im Juli, Thomas Bernhard in Saalfeld im August und Hanns Cibulka in Großkochberg und Dornburg im Oktober zeigt der Landkreis Saalfeld-Rudolstadt weiteres literarisches Lokalkolorit. "Es muss ja nicht immer um Goethe und Schiller gehen", erklärt Biskupek den Ansatz der LGT, einem Verein mit Sitz in Weimar.

In der "Experimentierlaune" der Anfangsexkursion in Saalfeld zeigt LGT-Geschäftsfüh­rerin Sigrun Lüdde auch Verständnis für das zurückhaltende Interesse der Saalfelder am Sohn ihrer Stadt: "Am Montag, um 16 Uhr, wer kann da schon!" Es können unter anderem Moritz Gause und Patrick Sie­bert, zwei junge Autoren, die ­Erfahrungen mit literarischen Spaziergängen sammeln wollen, weil sie selbst Führungen im LGT-Projekt übernehmen werden. Und auch das Interesse der Saalfelder Autorin Anne Gallinat, die selbst Stadtführungen anbietet, ist "beinahe beruflich".

Der Begeisterung von Matthias Biskupek für seinen Schriftstellerkollegen tut das keinen Abbruch. Er stellt Ror Wolf als Sprachexperimentator vor, "dem es gelang, den Alltag zur Poesie werden zu lassen, wenn er beispielsweise die Fußball­gesänge in seine Verse aufnahm." Nicht nur in seinen Fußball-Sonetten und Büchern verknappt Wolf Sprache, auch in seinen Hörspielen zeigt der ­"Radiomensch" Wolf trotz der Sprachdichte, dass er ein "musikalischer Autor" ist. Biskupek verortet erste musikalische Schritte des nunmehr jugend­lichen Richard, der am Realgymnasium fürs Abitur lernte, am Schlösschen Kitzerstein, das Ende der 1940er Jahre als Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft mit Klavier der Jazz-Band "Styx-Union" und Wolf als "King" Probenraum bot.

An der Saalbrücke erinnert Biskupek an das Bombardement von Saalfeld am 9. April 1945, das Wolf als Junge gegenüber der weggebombten Seite der Saalstraße überlebte. Außerdem schlägt er einen Bogen nach Unterwellenborn, wo Richard nach Abitur und abgelehntem Studienwunsch zwei Jahre ­Betonbauer lernte. Hier erlebte er den Aufstand am 17. Juni 1953, der ihm den letzten Anstoß, die DDR zu verlassen, gab. Ein Jahr später konnte er in Frankfurt am Main mit Literatur, Soziologie und Philosophie das studieren, was ihm in Leipzig verwehrt worden war. Im "Diskus", einer Studenten­zeitschrift" begann gleichzeitig die Autorenlaufbahn des heute vielfachen Kunstpreisträgers. Nach Saalfeld aber kam Ror Wolf nur zurück, um seine Eltern zu besuchen, zuletzt 1984.

Das Ende des Spaziergangs vor der Brudergasse"11, wo ­Biskupek von Wolfs Kontakten zum Künstlerkreis um Karl Jüttner erzählt, ist kein wirkliches. Von hier aus ließe es sich wandern zu den Feengrotten, deretwegen sich Ror Wolf als "grot(t)esker Autor" empfand, und nach Wickersdorf, wohin der Zehnjährige für zwei Jahre ins Internat der Freien Schul­gemeinde kam. Der Rundgang durch die Jugend des Literaten soll bald auch virtuell und ohne Straßenlärm möglich sein.

www.literarische-gesellschaft-thueringen.de