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09.07.2012

Romantischer Realismus

von Dietmar Ebert TLZ

Die dritte Veranstaltung der Reihe zum „romantischen Realismus im 21. Jahrhundert“ stand am Samstag unter dem Thema „Europa – Romantische Phantasmagorie oder praktisches Leitbild“? Friedrun Vollmer (Violine) und Helene Roth (Piano) spielten zu Beginn ganz aus dem Geist der frühen Romantik Beethovens G-Dur –Romanze. Matias Mieth, der den „romantischen Diskurs“ anregend moderierte, befragte den Jenaer Literaturwissenschaftler Prof. Stefan Matuschek, den Weimarer Komponisten Ludger Vollmer und den in München lebenden „Europa-Abgeordneten“ Gerald Häfner nach ihren Zugängen zu Novalis‘ Schrift „Die Christenheit oder Europa“. Stefan Matuschek erinnerte daran, wie Novalis seine Rede 1799 in einem kleinen Kreis kritischer Geister vorgetragen hat. Für ihn ist Novalis‘ Schrift vor allem ein Beispiel, wie kollektive Phantasie zur geistigen Modellierung der Welt genutzt werden kann. Ludger Vollmer verwies auf die Wurzeln europäischer Kultur, auf antike und jüdisch-christliche Tradition und die spirituellen Anregungen bei Novalis.

Was wir gegenwärtig mit Sehnsucht nach Europa verbinden, das könne (noch) nicht gelebt werden, erklärte Gerald Häfner. Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer darüber, dass im Moment die internationalen Finanzmärkte Wirtschaft und Politik in die Rolle des „Zauberlehrlings“ treiben, die die „Geister“, die sie gerufen haben, nicht stoppen können. Nur, der „alte Meister“ kommt nicht mehr, die Zauberformel bleibt verschwunden. Das ist kein europäisches, es ist ein globales Problem. Im Moment ist es politisch noch nicht zu lösen; deshalb sprach sich Gerald Häfner für mehr Mitbestimmung und -gestaltung bei der Festlegung von Regeln des Zusammenlebens in Europa aus. Denn nicht nur die Europäer erwarten eine Lösung aus der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise. Gerade zwischen dem harten Wirtschaftsliberalismus in den USA und dem Staatskapitalismus in China, erwächst in Europa die Chance, Modelle sozialen und ökologischen Wirtschaftens zu entwickeln, die für künftiges Zusammenleben in andere Teilen der Welt wichtig werden können.

Passend dazu spielten Friedrun Vollmer und Helene Roth Arvo Pärts Stück „Fratres“.

Klaus Schwarz stellte die Frage, welche Kernaussagen eine an den Geist des Novalis orientierte Schrift über Europa heute enthalten müsste.

Plädiert wurde für ein ständiges Ausbalancieren zwischen individueller Freiheit und Sozialstaatlichkeit, für ein Sich-Finden möglichst vieler Menschen, um die Regeln der

Staatlichkeit mitzugestalten und für einen größeren Stellenwert von Kultur, Spiritualität und Kunst auf dem Wege nach Europa. Dazu bedarf es der Phantasie kritischer Geister.

Zum Abschluss spielten Friedrun Vollmer und Helene Roth Béla Bartóks „Rumänische Tänze“.

Die Veranstaltungsreihe im Romantikerhaus wird am 20. Oktober fortgesetzt. Thema wird der „Störfall Fukushima“ sein. Moderiert von Dr. Peter Braun, werden der Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler und der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Carsten Gansel miteinander diskutieren.