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07.02.2015

Romanautor fühlt sich gleich mehrfach geehrt

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Foto: Mario Keim

Berliner Thomas Hettche liest in Ranis vor 60 Zuhörern aus „Pfaueninsel“

Ranis (OTZ/Mario Keim). 2014 war zweifelsfrei sein Jahr: Mit dem im August erschienenen Roman „Pfaueninsel“ wurde Thomas Hettche für den Deutschen Buchpreis nominiert, wie schon im Jahr
2006 für seinen Roman »Woraus wir gemacht sind« (beide bei Kiepenheuer & Witsch erschienen). Am 2. November gewann er den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für sein Buch „Pfaueninsel“. Der von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk gestiftete Preis gilt als eine der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum.

Am Donnerstag lockte der Wahlberliner mit hessischen Wurzeln 60 Besucher in die Breitenbuchhalle der Raniser Burg. Und der Gast fühlte sich zugleich geehrt: „Das ist ja ein faszinierender Ort. Zwei Mikrofone habe ich noch nie gehabt“, staunte er über die vorbereitete Technik. „Es ist der schönste Ort zu lesen“, sagte Hettche, um sich nach der 
Lesung im Raum umzusehen und über die moderne Deckenbeleuchtung in der denkmalgeschützten Hülle der Burg ein wenig zu wundern. „Und das ist Denkmalschutz?“.

„Es ist die schönste Einführung seit vier Monaten zu seiner Lesung. Und es gab nicht den Wikipedia-Artikel“, bedankte sich der Autor für die einfühlsame und kompetente Begrüßung durch Ralf Schönfelder vom Lese-Zeichen e.V. Dieser hatte schon vor zwei Monaten von Thomas Hettche geschwärmt und im OTZ-Interview am 5. Januar erklärt: „ Es gibt kein Feuilleton, das sich mit dem Buch nicht befasst hat.“

Der Schriftsteller las eine Stunde und fesselte mit einer bildreichen Sprache sein Zuhörer, von denen einige das Buch bereits kannten. Andere ließen sich die Gelegenheit nicht nehmen, das am Büchertisch erworbene Buch vom Autor signieren zu lassen.
Die Pfaueninsel in der Havel ist ein künstliches Paradies, in der Mitte zwischen Berlin und Potsdam gelegen. Sie gehörte seit 1815 zu den beliebten Ausflugszielen, ließ der Autor wissen, der vier Jahre an dem Roman schrieb.

Dieser Roman spielt im 19. Jahrhundert und beginnt wie ein Märchen: mit einer Königin, die einen Zwerg trifft und sich fürchterlich erschrickt. Am Beispiel der kleinwüchsigen Marie, die zwischen den Befreiungskriegen und der Restauration, zwischen Palmenhaus und Menagerie, Gartenkunst und philosophischen Gesprächen aufwächst und der königlichen Familie bei deren Besuchen zur Hand geht, erzählt Thomas Hettche von der Zurichtung der Natur, der Würde des Menschen, dem Wesen der Zeit und der Empfindsamkeit der Seele und des Leibes.
Nur ein einziges Mal, als 60-Jährige, verlässt Marie die Insel und reist 1860 auf Einladung eines Koches in die benachbarte Großstadt Berlin.

Die Hauptfigur habe „nach den Maßstäben der damaligen Zeit nicht schön ausgesehen.“ In seine Recherche habe er deshalb auch das Leben von Kleinwüchsigen in der Gegenwart gepackt, indem er diese nach ihrem Alltag befragt hat, sagte Thomas Hettche.
Mit Worten wie lohnenswert und ausgezeichnet erzählt verließen die Zuhörer am Donnerstag die Lesung, die wieder etwas Besonderes in Ranis war. „Dem belesenen und reflexionsstarken Autor Thomas Hettche gelingt es in diesem Roman, die Kultur- und Sittengeschichte des preußischen Arkadien zu erzählen und uns zugleich ganz nah an eine Figur heranzuführen, an deren Geschick sich der Wandel einer ganzen Epoche ablesen lässt. Von spätbarockem Überschwang bis zur technischen Rationalität des Eisenbahnzeitalters.

Dies gelingt Thomas Hettche in einer sinnlich aufgeladenen Sprache, so distanziert klug wie menschlich einfühlsam. Die Grundfrage, wie das Andere und Fremde geordnet wird in einer Kultur der permanenten Wandlungen, ist drängend aktuell, ohne dass der Roman starke Zeichen dieser Aktualität bemühen muss. „Pfaueninsel“ hat einen überzeitlichen Glanz und ist doch ein souverän verfasstes literarisches Werk ganz von heute. Es gibt viel zu wissen und es weckt die ganz großen Gefühle“, urteilte die Jury des Wilhelm-Raabe-Literaturpreis über das Buch.