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24.04.2010

Ringelnatz als Clown und Klassiker

von Frank Quilitzsch TLZ

Ein Gespräch mit Ringelnatz-Preisträger Wulf Kirsten über den Dichter sowie den Kunitzburger Eierkuchen.

Weimar/Cuxhaven. Am heutigen Sonnabend empfängt der Weimarer Lyriker und Erzähler Wulf Kirsten den mit 15 000 Euro dotierten Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik. Die Laudatio hält der frühere Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel. Vor allem als Natur- und Landschaftsdichter, der sich seine Motive erwandert, leiste Kirsten originäre Beiträge zur Gegenwartsliteratur, heißt es in der Begründung der Jury.

Joachim Ringelnatz (1883-1934) hieß eigentlich Hans Gustav Bötticher. Der in Wurzen bei Leipzig geborene Schriftsteller, Kabarettist und Maler ist vor allem für seine humoristischen Gedichte bekannt. Während des Ersten Weltkriegs war er als Marine-Offizier in Cuxhaven stationiert. Dort ist ihm heute ein Museum gewidmet. Wir sprachen mit dem 76-jährigen Kirsten vor der Preisverleihung über seine Beziehung zum Werk dieses Dichters.

Welche Ringelnatz-Bücher stehen in Wulf Kirstens Bibliothek?

Die Autobiografie "Mein Leben bis zum Kriege" und eine ganze Reihe von Gedichtbänden, darunter alte Erstausgaben und DDR-Ausgaben - viele lustige Sachen.

Wie lange begleitet dich dieser Dichter schon durchs Leben?

Jahrzehnte! Ich habe Ringelnatz-Gedichte schon als Jüngling abgeschrieben. Und es gab auch eine Phase, wo wir uns als ABF-Studenten wie Bolle amüsiert haben, wenn wir uns gegenseitig auswendig gelernte Ringelnatz-Gedichte vortrugen. Wir haben auch selber à la Ringelnatz gedichtet, also Ulk gemacht.

Du auch?

Ja. Aber es war dann doch mehr Peter Rühmkorf, der mich stimuliert hat.

Die Jury hebt hervor, Kirsten achte wie Ringelnatz auch das Kleine und Unscheinbare ...

Na ja, ich sehe manchmal auch ziemlich große Brocken.

Gibt es bei Ringelnatz Bezüge zu Thüringen?

Jede Menge: Er hat den Kunitzburger Eierkuchen bedichtet. Dieses wunderbare Gebäck, das auch von Fontane und Nietzsche sehr geschätzt wurde, gibt es ja heute noch. Man muss es nur lange genug vorbestellen. Es heißt, wer den Kunitzburger Eierkuchen einmal gegessen hat, behält ihn ewig auf der Zunge.

Das schreibt Ringelnatz.

Nein, das sage ich. Ringelnatz hatte enge Beziehungen zu Eisenach und Tautenburg. Über die Zeit in Tautenburg hat Professor Gerhard Schaumann in seinem Buch geschrieben. Vater Bötticher ist dort mit seinen Kindern im Sommerurlaub gewesen. Ringelnatz kannte also diese Landschaft, und er wurde als Zehnjähriger im Nachbarort Frauenprießnitz getauft.

Warst du schon mal im Ringelnatz-Museum in Cuxhaven?

Ich war mal bei einem Poesiefestival in Bremerhaven und wurde mit anderen Teilnehmern nach Cuxhaven gefahren. Dabei stellte man einhellig fest: Kirsten ist nicht maritim! Das kann ich nur bestätigen. Das werde ich auch in meiner Ringelnatz-Rede sagen: Ich bin durch und durch kontinental. Deshalb rede ich auch mehr über den kontinentalen Ringelnatz.

Was wäre über dessen Dichtung zu sagen?

Auffällig ist, dass er sich gewandelt hat. In seinen letzten Lebensjahren - eigentlich schon ab Ende 1920, Anfang der 1930 - wird er sehr lebensweise, und der Ulk tritt zurück. Da werden die Gedichte immer gewichtiger. Das hat mit dem Zeitbezug zu tun. Ringelnatz war ja eigentlich ein absolut apolitischer Schriftsteller und Vortragskünstler, gemessen an Kurt Tucholsky, Erich Kästner oder Erich Weinert.

Trotzdem erteilten ihm die Nazis Auftrittsverbot.

Das hat damit zu tun, dass er etwas gegen die Turnvater Jahn-Leute hatte. Die Turngedichte, die er geschrieben hat, waren alles andere als "völkisch". Das spricht sehr für Ringelnatz, das hat auch mit seinem sozialen Gewissen zu tun, das bei ihm sehr ausgeprägt war. Er war von Anfang gegen alles, was nach Hitler und Hitlerei roch, und hat sich davon deutlich abgesetzt. Aber er hat sich nie zu tagespolitischen Ereignissen geäußert, er setzte immer auf allgemein menschliche Dinge. Zu seinen Lebzeiten verkörperte er immer nur die Rolle. Zum Beispiel im Matrosenanzug, das Weinglas in der Hand, der Gang etwas torkelig - was natürlich gespielt war. Nur ist die Rolle mit ihm am Ende so identisch gewesen, dass man beide kaum noch zu unterscheiden wusste. Das ist aber jetzt von ihm abgefallen.

Geblieben ist sein poetisches Werk. Während Ringelnatz zu Lebzeiten unter seinen Schriftstellerkollegen eigentlich nie so richtig für voll genommen wurde - da war er nur der Lustigmacher und der Clown -, ist er jetzt in die Rolle eines Klassikers aufgestiegen. Das ist, finde ich, ein erstaunlicher Werdegang.