Presse - Details

 
18.02.2009

Revolutionäre am Windeltopf

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "Ich drückte mit der Stirne / Und küßte lang das weiße Glas. / Einer fragte, siehst du was. / Durch sagt ich seh ich." Dies Statement, niedergeschrieben vor 26 Jahren, gilt für ihn noch immer: "Ich musste meine Ästhetik nicht ändern", erklärt Steffen Mensching, den der nüchterne Blick auf die Verhältnisse vor romantischen Visionen und ideologischen Verklärungen bewahrte. "Erinnerung an eine Milchglasscheibe" heißt sein Gedicht von 1983, und "Milchglasscheiben und Spiegelgärten" war das jüngste Weimarer Montagsgespräch überschrieben, das nunmehr sechste in der Reihe "Abbruch, Aufbruch, Umbruch", und wiederum vor großem, diskussionsfreudigem Auditorium.
Zwei Lyriker waren eingeladen, neben Mensching der bei Nordhausen lebende Rechtsanwalt Thomas Spaniel, dessen erster Gedichtband "Spiegelgärten" 1988 in der Vorwendezeit erschien. Klar, dass zur Einstimmung Gedichte gelesen wurden, und Gitarrist und "Bayon"-Vater Christoph Theusner erinnerte musikalisch an den legendären Erfolg, den Menschings Theaterstück "Das Ballhaus" 1994 am DNT Weimar feierte.

Spaniel erlebte die dem Umbruch voraus gehende Lähmung als Jura-Student an der Jenaer Universität, wo die "Perestroika in der Rechtstheorie" sich knirschend an der konservativen Haltung der Fakultätsleitung rieb. Nachforschungen über das DDR-Urheberrecht waren unerwünscht; nach der Wende verteidigte Spaniel seine Diplomarbeit über die strafrechtliche Verfolgung von Schriftstellern in der DDR.

Am 8. Oktober 1989 war Mensching in Weimar und verlas mit Hans-Eckardt Wenzel im ausverkauften DNT die "Resolution der Unterhaltungskünstler". Zuvor hatten sich die Politclowns als Totengräber des dogmatischen Sozialismus geübt. "Wir lebten in diesem Land, und wir lebten schon nicht mehr hier", beschreibt er seinen Zwiespalt. "Manchmal spielten wir in einer Westberliner Punkkneipe ,Letztes aus der DaDaeR", und zur gleichen Zeit verschwand unser Publikum daheim." So habe er den Mauerfall auch "als Befreiung von einem Privileg" erlebt.

Man möge die Wende-Zeit nicht verklären, wünschen Spaniel und Mensching. Als Väter standen sie zwischen zwei "revolutionären" Aktionen auch häufig am Windeltopf. Mensching, der heute als Intendant in Rudolstadt Theater macht, appelliert an die soziale Verantwortung des Künstlers: "Es kommen bittere Zeiten", doch er freue sich, "wenn die Verhältnisse wieder ins Tanzen geraten".

! 2. März, 19 Uhr: Pädagogik im Wandel - mit Wolfgang Haak, Angela Ehspanner und Christine Schild