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12.10.2002

Resümee der ungarischen Literaturtage in Thüringen

von Bodo Baake TLZ

Geruch der Daten, gefühlte Temperatur der Ereignisse: György Konrád hält damit die Erinnerungen wach. Foto: dpa

Das fing gut an! Auf der Fahrt ins Erfurter Zentrum zwinkerte eine Leuchtlaufschrift: Eröffnung der Ungarischen Literaturtage mit György Konrád in der Michaeliskirche! So soll es sein - die Literatur als Vorwegweiser, und der Autor als verlässlicher Orientierungspunkt im Verkehrsleitsystem des Lebens. Ein Schülerlotse mit genialischer Dichtermähne.

Solche Gestalten, solche Zeichen braucht es, wenn jedes Jahr pünktlich zur Frankfurter Buchmesse das Gejammer einsetzt, alles sei rückläufig - die Zahl der Aussteller erstmals um 4,7 Prozent, die Lust am Lesen schon länger und die Förderung des Lesens ganz allgemein, besonders aber in Erfurt, wo die Stadtbibliothek 750 000 Euro und elf Mitarbeiter einsparen soll. Sagt der 8. Thüringer Bibliothekstag.

Dagegen braucht es Kontrapunkte. Es müssen Lesezeichen gesetzt werden. Das sagt Martin Straub. Der ist Geschäftsführer des Thüringer Lese-Zeichen e. V. und ein umtriebiger Mensch. Als solcher ist er nicht nur um den Schlaf gebracht, denkt er an Deutschland in der Nacht, er denkt auch gleich: Europa! Und wie es zusammenwächst, und wie es unerlässlich ist, dass wir auch andere Lebens- und Schreibgründe kennen lernen als immer nur ans Eingemachte zu gehen - oder wenn doch, dann es wenigstens im Lichte des Anderen zu spiegeln. Kurz gesagt: Ungarische Literaturtage.

György Konrád also. Die Michaeliskirche, in der er zum Auftakt las, war protestantisch kühl, doch er las sie warm. Wie am nächsten Tag auch das Weimarer Kirms-Krackow-Haus. Dieser schweren, schleppenden Stimme hört man an, dass sie Erinnerungsgepäck bewegt. Konrád ginge, so moderierte sein Übersetzer Hans-Henning Paetzke, in seinen Erinnerungen immer weiter zurück. Nach "Der Besucher" (1969), "Der Komplize" (1974) und den im zwei- bis dreijährigen Abstand folgenden Romanen und Essays "Geisterfest", "Melinda und Dragoman" sowie "Antipolitik. Mitteleuropäische Meditationen" ist er nun in seinem neuen Buch "Abfahrt und Heimkehr" bei sich selber angekommen, bei dem elfjährigen Sohn jüdischer Eltern.

Der wache Träumer György Konrád: Sozio- und Psychologe, Literat und Literaturpreisträger, Regimekritiker, Vizepräsident der internationalen PEN und Präsident der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, Wanderer zwischen Welten und Kulturen. Er durchlebt noch einmal die Zeit zwischen den Frühjahren 1944 und 1945, "ein dramatisches Jahr", in dem Ungarn von der deutschen Wehrmacht besetzt wird und die "Säuberung" beginnt, die Austreibung der Juden aus Ungarn. 900 000 werden es in wenigen Wochen sein, und die Nazis werden es als "logistische Meisterleistung" feiern.

Konrád erzählt das hart an den Fakten der Geschichte entlang und füllt es mit Erinnerungen, Gedächtnisschnipseln, Satzfetzen, Bildern, Farben und Gerüchen auf. Es sind, sagt er später im Gespräch, es sind die Details, auf die es ankommt. Man kann Erinnerungen nur lebendig halten, wenn man die Farbe der Fakten, den Geruch der Daten, die Temperatur der Ereignisse, ihre gefühlte Temperatur, nicht die gemessene, so genau als möglich wiedergibt.

Das ist kein Dekret, vielleicht ein Credo, auf jeden Fall eine literarische Methode. Ohne sie gleich zur "Ungarischen" zu verklären - sie begegnet während der Literaturtage an anderer Stelle wieder, bei den Lyrikern Krisztina Tóth und Geza Szöcs. Freilich auf andere Weise. Philosophisch vertieft, in eine Welt der Innerlichkeit gebunden, in die "das Neon des Mondes fällt", bei Krisztina Tóth.
Und mit Witz und Ironie aufgeladen, kafkaesk und böse auf eine Weise, deren Schärfe man erst später spürt, bei Geza Szöcs.

Übersetzer und Schicksalsbruder Hans-Henning Paetzke nannte den Siebenbürger, den Ceausescu-Gegner und verhafteten, geflohenen und versteckten Oppositionellen, den Exilanten, Redakteur und Herausgeber einen "reisenden Dichter von Klausenburg, geprägt von Handymanie und Poesie und unverwechselbar nur sich selber ähnelnd". Eigentlich lieferte er damit fast schon eine Beschreibung der ungarischen Literatur heute. Die sich auch in der deutschen spiegelt.

Professor Ulrich Zwiener ging darauf ein, der Vorstand des die Literaturtage mitveranstaltenden Collegium Europaeum Jenense. Er verwies auf das gemeinsame Herkommen und das gemeinsame Schicksal, auf das "vertraut-sympathische Land. Das es noch gestern schwerer hatte, als wir, und dass es sicher auch morgen noch schwerer haben wird." Und dessen Autoren sich magyarisch freuen, wenn sie auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden.

Wie heißt übrigens 4,7 Prozent auf Ungarisch?