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30.08.2003

Respekt bis Unverständnis für die Pößnecker Ballonflucht

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Deutsch-Unterricht mal anders wollte Sigrid Götz den
Zehntklässlern vom Gymnasium Am Weißen Turm-Medienschule in Pößneck anbieten. Es wurde mehr daraus. Die Zeit, die die rund 80 Schüler gestern Vormittag mit dem Autor Roman Grafe und seinem im Siedler Verlag Berlin erschienenen Buch Die Grenze durch Deutschland verbrachten, hätte genau so
gut in den Geschichte- und auch in den Ethik-Unterricht gepasst.
Roman Grafe war mit seinem Buch, einer Chronik der Verlogenheit des SED-Regimes, Gast der diesjährigen Literaturtage auf Burg Ranis. Dort konnte ihn Sigrid Götz für die Lesung im Gymnasium gewinnen. Den Schülern
las der Journalist zunächst Grundsätzliches zur einstigen innerdeutschen Grenze und zur Frage des Schießbefehles, um dann auf zwei Fälle aus der Region einzugehen: zum einen auf die völlig sinnlose Erschießung eines wehrlosen jungen Mannes im Juni 1964 in Döhlen; zum anderen auf die
Ballonflucht der Pößnecker Familien Strelzyk und Wetzel im September 1979.
Diese Ballonflucht ist in der ganzen Welt ein Begriff, aber nur wenigen Zehntklässlern in Pößneck. Zu spüren war mitunter Desinteresse gegenüber einem der spannendsten Kapitel Geschichte, die je von Pößneckern geschrieben wurden. Die spektakuläre Aktion blamierte die Stasi so sehr,
dass die DDR-Oberen die Ermordung der Ballonflüchtlinge erwogen haben sollen.
Wie wird denn die Ballonflucht in Pößneck betrachtet?, wollte daher Roman Grafe von seinen Hörern wissen. Während zwei Schülerinnen zum einen von Mut, zum anderen von Respekt sprachen, äußerte ein junger Mann unter Berufung auf seine Eltern Unverständnis für die Flucht. Die beiden
Familien hätten nicht fliehen müssen, es gab ja alles in der DDR, sagte er und war nicht allein mit dieser Meinung. Es kam auch das beliebte Argument, dass Strelzyks und Wetzels unverantwortlich gegenüber ihren Kindern, die mit
im Ballon waren, gewesen seien. Unverantwortlich war das Regime an der DDR-Grenze, sagt dazu Roman Grafe, dem in puncto DDR keiner was erzählen kann, hat er sie doch bewusst erlebt. Roman Grafe hat auch kein Verständnis
für die Grenzschützen. Den Dienst an der Grenze hätte jeder ablehnen können, weiß er, und die Dokumentenlage weise nach: Den Tätern war jederzeit bekannt, was sie machen.
Wie schätzen Sie ihr Leben in der DDR ein?, fragten die Schüler den Autor, der im Januar 1989 als 20-Jähriger in den Westen ausreiste. Roman Grafe machte deutlich, dass es eben nicht alles gab in der DDR. Die Versorgungslage war für ihn kein Grund zum Abhauen und auch nicht die
eingegrenzte Reisefreiheit. Aber die Uniformisierung auch der Gedanken, die im Kindergarten begann, die Hass-Erziehung in der Schule, die Belohnung der Anpassung fand er unerträglich. Er wollte nicht in einem Staat leben, in
dem Leute an der Grenze abgeknallt werden, sagte er. Ich wollte nicht Eigentum eines Staates sein, brachte es Roman Grafe auf den Punkt.