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14.02.2004

Reportage: Unterwegs mit der Fahrbibliothek

von Frank Quilitzsch TLZ

Die Luft ist eisig, und der Wind treibt die nächste dunkle Wolkenfront heran. Ich rette mich vor den Schneeschauern in die Bratwurstbude. "Wo steht denn hier der Bücherbus - auf dem Dorfplatz?" Die Wurstfrau wirft mir einen empörten Blick zu: "Lassen Sie das ja nicht die Buttelstedter hören! Wir sind kein Dorf, Buttelstedt ist eine Stadt!" Nachdem ich eine Bratwurst gekauft habe, wird sie zugänglicher. "Der blaue Bus steht alle vier Wochen hier, gleich hinter der Kaufhalle; ich sehe ihn jedesmal kommen, dann dreht er, und es guckt nur die Schnauze hinter der Hausecke vor."

Bücherlieferant und Treffpunkt im Alltag

Kaum gesagt, kommt der Bus tatsächlich. Der Fahrer drückt auf die Hupe, die noch melodischer klingt als beim Eismann. An der Haltestelle wartet schon ein Mädchen mit einem prall gefüllten Leinenbeutel. Sie steigt ein und gibt die ausgelesenen Bücher zurück. Dann sucht sie die Regalreihen nach neuem Lesestoff ab. Heike Schwalm legt schon mal die vorbestellten Indianerbände bereit, als sich fauchend die Tür öffnet und mehrere Personen hintereinander den Bus betreten. Eine ältere Dame geht schnurstracks auf das kleine Tischchen zu, hinter dem die Bibliothekarin sitzt, und lädt zwei Stöße dicker Romane ab. "Na, gut durchgekommen durch´s Schneegestöber?" Heike Schwalm nickt. Man kennt sich. Regelmäßig steuert die Fahrbibliothek auf ihrer Tagesroute den kleinen Ort im Weimarer Landkreis an. Buttelstedt hat zwar nur 18 eingetragene Leser, doch die kommen auf 626 Ausleihen im Jahr. Vor allem Schulkinder und ältere Leute, aber auch ganze Familien. Für viele Buttelstedter ist die Fahrbibliothek nicht nur Bücherlieferant, sondern auch Treffpunkt im Alltag - für genau 45 Minuten, dann nämlich rollt das Büchermobil weiter. Am schnellsten leeren sich die Regalfächer mit DVDs und CD-Roms. Aber auch Reiseführer, Ratgeber, Sprachkurse, Kriminalromane und Schülerhilfen sind begehrt. Die ältere Dame hat für sich acht neue Romane ausgewählt. Das müsse für vier Wochen reichen, erklärt sie. Im Winter habe man mehr Zeit zur Lektüre. "Dann bis zum achten März, Frau Kötschau!"

Eine Schülerin holt die bestellten Sachbücher über nordamerikanische Indianerkulturen ab, für ein Unterrichtsreferat. Eine Frau mit Weidenkorb bevorzugt Taschenbücher, weil diese beim Lesen leicht in der Hand liegen. Zwei Mädchen verstauen ein Dutzend Musik-CDs und -kassetten in ihren Plastiktüten. "Was glauben Sie, was manche Leute so an Büchern wegschleppen", sagt die Bibliothekarin. "In Niederzimmern wohnt ein Ehepaar mit drei Kindern, wenn die aufkreuzen, ist die Theke voll. Und in Schwabhausen rücken einige Leser gleich mit Kleiderbeuteln an." Manchmal ist der Bus so voll, dass die Bibliothekarin Mühe hat, den Überblick zu behalten.

In Buttelstedt ist der Ansturm vorbei. Heike Schwalm kann in Ruhe die zurückgebrachten Bände einsortieren und die Klemmen andrücken, damit während der Fahrt nichts herausfällt. Der Busfahrer stempelt derweilen im voraus die Quittungen für den Obolus, den die Bibliotheksnutzer entrichten. Wenn es die Fahrbibliothek nicht gäbe, müssten sie die Bücher kaufen - für junge wie ältere Leute sowie für kinderreiche Familien kaum erschwinglich. "Früher bin ich immer in die Stadtbibliothek gegangen", erzählt eine Buttelstedterin. "Doch die ist ja jetzt geschlossen."

Heike Schwalm sagt nach einem Blick in ihre Kartei: "Vier müssten eigentlich noch kommen. Aber wir haben Ferien, da sind viele Familien verreist."

Die Leser strömen aus allen Richtungen

Punkt drei startet Jürgen Heimann den Motor. Heike Schwalm wechselt von ihrem Platz hinter der Ausleihe auf den Beifahrersitz. Der blaue Bücherbus verlässt Buttelstedt und nimmt Kurs auf Ottmannshausen. Wegen einer Umleitung braucht der Fahrer ein wenig länger, in der Ortschaft nimmt er geschickt die engen Kurven. Noch während der Anfahrt ertönt die Hupmelodie. Der Bus hält vor der Kirche, und im selben Moment verschwindet die Sonne. Schneeregen prasselt auf das Busdach. "Hup noch mal", sagt Heike Schwalm. Wenig später strömen die Leute aus allen Richtungen.

Drei bis sechs Orte steuert das Duo täglich an; der weiteste, Lachstedt bei Bad Sulza, ist vierzig Kilometer entfernt. Die heutige Tour führt von Ottmannshausen noch weiter nach Berlstedt und Stedten. Insgesamt sind 75 Städte und Gemeinden des Landkreises mit 1105 eingetragenen Lesern Nutzer des Kromsdorfer Büchermobils. Die meisten Leser, 52, wohnen in Niederzimmern und bringen es auf cirka 3000 Entleihungen im Jahr, das sind fast 60 pro Person beziehungsweise pro Haushalt. In Mönchenholzhausen leihen jährlich 37 eingetragene Leser 2050 Bücher und Medien aus.

"Wir fragen die Kommunen jedes Jahr aufs neue, ob sie weiter mitmachen wollen", erläutert Birgit Bethge, die Leiterin der Kreis- und Fahrbibliothek. "Wenn ja, schließen wir mit ihnen eine Vereinbarung ab. Die Kommunen zahlen dann 51 Cent pro Einwohner und Jahr." In jüngster Zeit sind nur zwei Orte aus dem Verbund ausgetreten, zum Nachteil ihrer Bürger. Die meisten Städte und Gemeinden des Weimarer Landes halten an dieser Art von Bildungsservice fest. Vor allem dort, wo Gemeindebibliotheken geschlossen wurden, ist der Bücherbus unverzichtbar.

Unlängst feierte man 10-jähriges Jubiläum

Birgit Bethge hält die Fahrbibliothek für eine große kulturelle und soziale Errungenschaft, die man auf keinen Fall dem Rotstift opfern dürfe. Über 60 000 Entleihungen im Jahr allein im Weimarer Landkreis belegen dies eindrucksvoll. Dazu kommen noch fast 26 000 Entleihungen in der Kromsdorfer Remise, der Basisstation.

Wäre ein Titel "Schönste Bibliothek Thüringens" zu vergeben, die Kreisbibliothek in Kromsdorfer hätte ihre Nominierung sicher. 1991 bis 93 wurde der zum Schloss gehörige Pferdestall saniert und ausgebaut, das Ergebnis ist eine Augenweide. Wenn Birgit Bethge die dicht nebeneinander angebrachten, braunen Holztore aufmacht, kommen blitzsaubere Glaswände zum Vorschein. Tageslicht flutet in die geschmackvoll mit Bücherregalen ausgestatteten Räume. Eine breite Holztreppe führt ins ausgebaute Dachgeschoss, das viele Stöberecken für die Kinder birgt.

Die Kromsdorfer Remise ist zugleich das Depot der Fahrbibliothek. Am Morgen stand der Bus auf dem Parkplatz oberhalb des Schlosses und wurde von den Frauen neu bestückt. Aussortierte sowie saisonbedingte Artikel wie Weihnachtsbücher und -kassetten wurden zurück genommen, vorbestellte Bände an Bord geschafft. Ständig ausgeliehen werden alle Teile von "Harry Potter", häufig geordert Krimis von Henning Mankell und Ken Follet sowie Titel von Elke Heidenreich. Auch Fachbücher, Ratgeber und Reiseliteratur. "Telefonisch vorgetragene Wünsche werden bei uns notiert", sagt Birgit Bethge. "Wir sind auch im Einkauf recht schnell. So weit die Mittel reichen, bestellen wir die Sachen für unsere Leser."

So haben der Busfahrer und die drei Bibliothekarinnen alle Hände voll zu tun. Zwei sind abwechselnd mit dem Bus unterwegs, zwei in der Ausleihe in der Remise beschäftigt. "Früher waren wir sechs, der Aufwand ist nicht geringer geworden", konstatiert die Leiterin. "Umso mehr freuen wir uns über das Erreichte."

Im vergangenen Jahr konnte die Kreis- und Fahrbibliothek des Weimarer Landes ihr Zehnjähriges feiern. Von dem Jubiläum kündet stolz ein Schriftzug am Bus - aber nur auf der einen Seite, für die andere reichte das Geld nicht mehr. Heike Schwalm rollt von Anfang an mit über Land. "Ich möchte diese Tätigkeit nicht missen", sagt sie. "Man ist ständig unterwegs und lernt die Leute kennen."

Als ich am Abend in Buttelstedt wieder in mein Auto steige, setzt erneut Schneetreiben ein. Aprilwetter im Februar. Der Platz vor der Kaufhalle ist verwaist. Die Bratwurstfrau winkt mir zu.

ZUR SACHE

"Einer für alle - Alle für die Fahrbibliothek", so das Motto, unter dem das neu gegründete Thüringer Literatur Quintett (TLQ) am 26. Februar in Weimar seinen ersten öffentlichen Auftritt bestreitet. Der Erlös der Lesung kommt der Kreis- und Fahrbibliothek Weimarer Land zugute, die 75 Orte - darunter viele kleine, abgelegene Gemeinden - mit Büchern und Medien versorgt.

Die rollenden Büchermobile sind wichtiger Bestandteil der Informationsversorgung der Bevölkerung in den überwiegend ländlichen Gebieten. Vom Kinderbuch bis zum Krimi und vom Kochbuch bis zum Ratgeber findet dabei alles in den Regalen der Busse Platz. Erfreulich ist auch ihre Auslastung. So verleiht beispielsweise die Fahrbibliothek Weimarer Land jährlich mehr als 60 000 Bücher und Medien an 1665 registrierte Nutzer. Vergleichsweise gut stehen die Fahrbibliothek des Ilm-Kreises und der Stadt Erfurt mit ihren Bilanzen da.

Dennoch ist die Situation alarmierend. Von ehemals sechs Thüringer Fahrbibliotheken werden demnächst nur noch drei übrig sein. Bereits 1999 hat die Fahrbibliothek im Saale-Holzland-Kreis ihren Dienst einstellen müssen. 2003 folgte die Fahrbibliothek im Landkreis Nordhausen. Jetzt steht die Fahrbibliothek im Ilm-Kreis vor der Schließung.

Das Thüringer Literatur Quintett möchte in einer Zeit, da Lesen immer wichtiger wird, ein Zeichen gegen solchen Kultur- und Bildungsabbau setzen. Dem TLQ gehören die Schriftsteller und Publizisten Landolf Scherzer, Matthias Biskupek, Frank Quilitzsch, Hans-Jürgen Döring und Martin Straub an. Gelesen wird aus unveröffentlichten Manuskripten. Außerdem backen die Autoren für ihr Publikum.

Erster Auftritt des Thüringer Literatur Quintetts: Donnerstag, 26. Februar, 20 Uhr, Thalia Buchhandlung Weimar (Schillerstraße 5a)