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11.11.2002

Ratz und Rathenow mit sympathisch bösem Humor

von Brit Plontke Ostthüringer Zeitung

Neustadt (OTZ). Angekündigt war eine "anspruchsvolle und
unterhaltsame Annäherung an Literatur". Und genau das war es. Angekündigt war
das "RR-Projekt", eine Art Gemeinschaftsproduktion von Heinz Ratz und Lutz
Rathenow. Daher die beiden "R´s". Angekündigt war, dass Heinz Ratz Texte von
Lutz Rathenow singt, liest und spielt. Und wie er das tut! Wie er rezitiert,
interpretiert, schauspielert, wie er mal gefühlvoll ins Mikro haucht, mal
schreit, die Worte stimmakrobatisch auf die Spitze treibt, das düstere Wort noch
düsterer ausspricht, dass den Hörern die Münder offen stehen bleiben, wie er
sich, wenn auch sparsam, dazu bewegt, teils gar komisch ist - das begeistert
nicht nur die Gäste, sondern auch Lutz Rathenow. Immer wieder.

Letzteren kennt man hier, besonders in und um Jena und Berlin. Man kennt den
rebellischen Lyriker, den die Staatsmacht der DDR strengstens ins Visier und
gern auch ins Verhör nahm (15 000 Seiten Stasi-Akten!) und der sich auf so
geistreiche Weise wehrte. Der vor 50 Jahren in Jena geborene Rathenow studierte
ab 1973 Germanistik und Geschichte an der Jenaer Universität. Im März 1977, drei
Monate vor dem Examen, wurde er wegen "Zweifeln an Grundpositionen,
Objektivismus und Intellektualisieren der Probleme" vom Studium an allen
Hochschulen der DDR ausgeschlossen. Seitdem arbeitet er als freier Autor in
verschiedenen Genres. Jüngste Werke sind "Sterben will gelernt sein" (2000) und
"Die Fünfzig. Gedichte".

"Heinz Ratz hat meine Texte auf höchst angenehme Weise missbraucht", sagt Lutz
Rathenow. Ratz entdecke bei Rathenow "einen sympathischen bösen Humor, der
meinem eigenen Weltbild nahe kommt". Ratz, geboren 1968, führt ein Leben "von
rekordverdächtiger Unruhe", wie es treffend auf dem CD-Cover heißt. Der Sohn
einer Indianerin und eines Deutschen ist Schauspieler, Autor und Sänger. 45
Umzüge führten ihn unter anderem nach Spanien, Peru, Saudi-Arabien, Argentinien
und Großbritannien. Ein Jahr lebte er als "Totalverweigerer", auf das Wort legt
er Wert, als Obdachloser.

Ratz´ Idee, seine Prosa zu vertonen, nennt Rathenow eine "glückliche Ergänzung".
So gewinne er Hörer, die Leser werden. Gleichsam sieht Rathenow in Ratz´
gelungener Hör-Vorstellung eine Form aktiver Literaturkritik. Und Heinz Ratz
gefällt noch mehr von Rathenow: er liebäugelt schon mit einer zweiten CD. Die
erste, das "RR-Projekt Texte Töne Trash." ist im August beim Verlag HörZeichen
erschienen.

Und dass man große Teile davon am Donnerstag Abend in Neustadt im gut besuchten
Wotufa-Saal hören konnte, ist einigen glücklichen Beziehungen zu verdanken.
Initiatoren waren Dr. Martin Straub vom Verein Lesezeichen e.V., die
Friedrich-Naumann-Stiftung (Stiftung für liberale Politik) und die Initiative
für ein gewaltfreies Miteinander Neustadt.